Widerständig sein

Evangeliumslesung: Lukas 18, 1-8

Von der bittenden Witwe

Jesus sagte ihnen aber ein Gleichnis darüber,

daß sie allezeit beten und nicht nachlassen sollten,

und sprach:

 

Es war ein Richter in einer Stadt,

der fürchtete sich nicht vor Gott

und scheute sich vor keinem Menschen.

Es war aber eine Witwe in derselben Stadt,

die kam zu ihm und sprach:

Schaffe mir Recht gegen meinen Widersacher!

 

Und er wollte lange nicht.

 

Danach aber dachte er bei sich selbst:

Wenn ich mich schon vor Gott nicht fürchte

noch vor keinem Menschen scheue,

will ich doch dieser Witwe, 

weil sie mir soviel Mühe macht, Recht schaffen,

damit sie nicht zuletzt komme

und mir ins Gesicht schlage.

 

Da sprach der Herr:

Hört, was der ungerechte Richter sagt!

 

Sollte Gott nicht auch Recht schaffen seinen Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen,

und sollte er's bei ihnen lange hinziehen?

Ich sage euch: Er wird ihnen Recht schaffen in Kürze.

 

Doch wenn der Menschensohn kommen wird,

meinst du, er werde Glauben finden auf Erden?

 

 

 

 

Liebe Gemeinde!

 

In Psalm 85 heißt es am Ende:

  • „Könnte ich doch hören, was Gott der Herr redet,
  • dass er Frieden zusagt, damit wir  nicht in Torheit geraten.
  • Doch ist ja seine Hilfe nahe denen,
  • die ihn fürchten,
  • dass in unserem Land Ehre wohne,
  • dass Güte und Treue einander begegnen,
  • Gerechtigkeit und Friede sich küssen.“
  • Gottesfurcht – ein altertümliches Wort.

     

    Furcht – Angst sind schreckliche Gefühle.

    Dauernd Furcht haben müssen,

    macht einen Menschen kaputt.

     

    Wer als Kind ständig in Frucht leben muss,

    weiß was das heißt.

    Wer als Arbeitnehmer permanent

    unter Druck und Angst arbeiten muss,

    weiß was das heißt.

    Wer dauernd geschlagen und gedemütigt wird,

    weiß was das heißt.

     

    Das Wort „Gottesfurcht“ möchte ich anders deuten.

    Denn einen Gott, vor dem ich mich allein fürchten muss,

    wäre nicht mein Gott.

    Das ist NICHT mein Gottesbild.

     

    Gottesfurcht hat der Mensch,

    der Erfurcht vor Gott und dem Leben hat.

    Hat der Mensch allein Erfurcht vor dem Leben,

    dann ist er auch schon bei Gott,

    weil Gott im Leben gegenwärtig ist.

     

    Gottesfurcht hat der Mensch,

    der mit Gott im Leben rechnet.

    Gottesfurcht hat der Mensch,

    der betet und betend lebt.

     

    So meine Deutung.

     

    Wie Gott in mein Denken und Fühlen, in mein Innerstes eingefallen ist, das kann ich nicht erklären.

    Es gab auch lange Durststrecken, in denen ich Gottesverdunklung in mir gefühlt habe.

    Da habe ich mit ihm gerungen ... da war verrückter weise mein Gespräch mit ihm noch viel drängender ...

     

    So wurde mir Gott so notwendig, wie die Luft zum Atmen.

     

    Könnte ich doch hören, was Gott der Herr redet ...

     

    Natürlich hätte ich es gerne, Gott würde mir eindeutiger sagen, was ich tun und lassen soll,

    was der richtige Weg an einem Scheideweg ist.

     

    Ich muss es herausfinden – auf mich selbst achten –

    auf das Leben anderer achten.

     

    Verantwortliches Handeln nimmt er mir nicht ab.

     

    *****

    • Doch ist ja seine Hilfe nahe denen,
    • die ihn fürchten,
    • dass in unserem Land Ehre wohne,
    • dass Güte und Treue einander begegnen,
    • Gerechtigkeit und Friede sich küssen
  • Gerechtigkeit und Frieden gehören zusammen.

    Wo es keine Gerechtigkeit gibt,

    da kann auch kein Friede herrschen.

     

    Schaffe mir Recht! – Der Ruf der Entrechteten.

    Nun, wir leben in einem Rechtsstaat,

    In dem es Gerichte gibt,

    Rechtswege,, Instanzen, Pflichtverteidiger, Prozesskostenhilfe ... Rechtsschutzversicherungen ...

    Wir leben in einem Land mit

    Trennung von Exekutive (Regierung) und Legislative (Gesetzgebung).

     

    Vor 75 Jahren war das in unserem Land anders.

     

    Da brannten 1400 Gotteshäuser

    in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 ...

    da wurden über 400 jüdische Menschen ermordet ... Tausende verhaftet und gequält ...

     

    Diese eine Nacht, in der Gott brennend weinte und mit ausgegrenzten Menschen mitlitt und mit gestorben ist, - diese Nacht war das sichtbare Zeichen dafür, was noch alles kommen würde.

    Die Endlösung der Judenfrage, der Völkermord an 6,3 Millionen Menschen, die grausam ermordet wurden, weil sie Juden waren.

     

    Das war die absolute Verkehrung aller Werte.

    Das war Gottesverdunklung global.

     

    *****

    Gottesverdunklung – global – total?

    *****

    Nein, nicht total!

    Es gab wenige Widerständige, die sich nicht von dieser Ideologie des Todes haben einfangen lassen.

     

    Wenige Widerständige, die ihr eigenes Leben auf´s Spiel gesetzt haben, um jüdische Menschen zu retten.

     

    Wenige, die nicht einfach nur zugeschaut haben,

    die nicht blindlings gehorcht haben,

    die nicht vorgekaute Vorurteile übernommen haben,

    die sich nicht der Angst hingegeben haben,

    sondern das getan haben,

    was ihnen ihr Gewissen gesagt hat.

     

    In ihrem Gewissen hat Gott gesprochen.

     

    Diese Menschen sind wahrhaft Gerechte.

     

    *****

     

    Die Widerständigen hat Gott lieb.

    Denn sie schauen auf das, was geschieht,

    stehen auf, wo Unrecht geschieht.

    Wer mit dem Himmelreich und Gott rechnet,

    antwortet dem Geschenk des Lebens.

     

    *****

    Wie ist es heute mit dem Widerständig sein?

    Tut es heute Not, sich Ungerechtigkeit entgegen zu stellen?

    Wo wir doch in einem Rechtsstaat leben.

     

    Natürlich!

    Jede Zeit hat ihre eigenen Herausforderungen.

    Jede Zeit ist Umkehrzeit.

     

    Und in jeder Zeit gilt der Ruf:

    Tuet Buße,

    denn das Himmelreich ist nahe herbei gekommen.

     

    Überall dort, wo Menschen Unrecht geschieht, wo Menschen alleine gelassen ... gedemütigt ... ausgegrenzt werden, wo Menschen in Armut leben, da tut es Not, zu handeln.

     

    *****

    Der Predigttext von der bittenden Witwe

    spricht uns heute an, obwohl er fast 2000 Jahre alt ist.

     

    Denn es gibt Dinge, Verhaltensweisen, die sich nie ändern.

     

    Machtmissbrauch und Willkür – Wurschtigkeit und Gefühllosigkeit gehören in jede Zeit.

     

    Da haben wir den Richter.

    Ein angesehener Mann, der ein wichtiges Amt bekleidet.

    Der Entscheidungen trifft ... der über das Wohl und Wehe von Menschen entscheidet.

     

    Eben ein Mr. Wichtig und Bedeutend.

    Dieser Richter fürchtet sich nicht vor Gott

    und scheut sich vor keinem Menschen.

     

    Da haben wir die Witwe.

    Sie lebt am Rand der Gesellschaft,

    gehört zum sogenannten Präkariat / den Armen und

    damit auch Verachteten, die man einfach treten darf.

     

    Witwen und Waisen müssen bitten und betteln ... haben nichts zu erwarten, finden kaum Fürsprecher ... sind auf Almosen angewiesen ... geraten in Schuldknechtschaft und Sklaverei.

     

    Nun, diese Witwe kommt mit einem Anliegen, einem Fall, einer Ungerechtigkeit vor den Richter.

    Für ihn ist sie nur lästig.

    So lästig, wie eine Schmeißfliege.

    Wo käme er hin, wenn er sich mit solchen Popelfällen abgäbe?

     

    Das Leben ist eben hart und ungerecht – Gerechtigkeit ist nicht für jedermann im Angebot – und überhaupt – so ein Fall bringt weder Ansehen noch Geld.

    Man kennt das ja: Ohne Schuß kein Jus! Ne!

    Außerdem, wenn er sich der Sache annähme, dann würde er sich nur Scherereien damit einhandeln.

    Vielleicht ist ihr Prozessgegner ein wichtiger Mann.

     

    Der Popelfall ist für die Witwe existentiell.

    Er entscheidet über ihr weiteres Leben.

     

    So lässt sie nicht locker.

    Ihr Ruf verfolgt den Richter:

    Schaffe mir Recht gegen meinen Widersacher!

     

    .... Schaffe mir Recht! .... Schaffe mir Recht! ...

    Du Richter, der Du Verantwortung trägst,

    der Du die Aufgabe hast Recht zu sprechen,

    schaffe mir Recht – hilf mir!

     

    ... im angeblich furchtlosen Richter regt sich was.

    • Wenn ich mich schon vor Gott nicht fürchte
    • noch vor keinem Menschen scheue,
    • will ich doch dieser Witwe, 
    • weil sie mir soviel Mühe macht, Recht schaffen,
    • damit sie nicht zuletzt komme
    • und mir ins Gesicht schlage.
  • Reichlich widersprüchlich, die Gedankenwindungen des Richters. Gut, wenn er nicht an Gott glaubt ... nicht mit Gott rechnet und sich auch vor keinem Menschen scheut .... warum fällt er um ... warum gibt er nach ... und nimmt sich des Falles der Witwe an?

    Was ist in ihm geschehen?

    Hatte er wirklich Angst davor, von der Witwe geschlagen zu werden? Hatte er Angst vor einem Skandal? – Nu, damals gab es noch keine BILD-Zeitung, keinen SPIEGEL, keine KN.

     

    Ich glaube, der nicht nachlassende Ruf: „Schaffe mir Recht“ hat etwas im Inneren des Richters bewegt.

     

    Der Ruf erzeugte einen Nachhall in seiner Seele.

    Die Frau war ihm herzlich egal ... doch der Ruf / der Hall ... dem konnte er irgendwann nicht mehr ignorieren.

     

    *****

    Wir sollen Gott hören.

    Darum sollen wir nicht nachlassen im Gebet.

     

    Gott hören ... und ehrfürchtig werden vor dem Leben.

     

    *****

    Ein UNGERECHTER RICHTER gerät in Unruhe ... kann sich nicht mehr vor dem Ruf nach Gerechtigkeit verschließen ...

     

    Ich hoffe sehr, dass immer mehr Menschen auf ihr Inneres hören. Denn es ist wieder kalt geworden in Deutschland.

    Viel Ungerechtigkeiten gibt es ... viel rechtsfreie Räume ... viel strukturelle Gewalt ... viel Gleichgültigkeit und Unmenschlichkeit ....

    Ich hoffe sehr, dass es immer mehr widerständige Menschen gibt, die für sich selbst und andere nach Gerechtigkeit rufen.

     

    Für mich selbst bete Ich:

    Erforsche mich Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich es meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin und leite mich auf ewigen Wege.

     

    Die Gebet schafft mir Unruhe.

    Aber es hält mich – mein Gewissen – lebendig.

     

    Amen

    Mit G rechnen

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