Sprache kann zerstören

Predigt zu 1. Mose 11, 1-9, gehalten am 13. März 2016 (Judika), in der Sehestedter Kirche. Die Erzählung vom Turmbau zu Babel habe ich gewählt, weil Sprache durch Sprachverwirrer, Sprachzerstörer, zur Waffe werden kann. Unwort des Jahres 2015 ist Gutmensch. Menschen, die sich in unserem Land für flüchtende Menschen einsetzen, werden als naive Gutmenschen verunglimpft und lächerlich gemacht. Worte als Waffen zu gebrauchen ist die wahre Sprachverwirrung. Im vergangenen Jahrhundert konnte durch Hasspropaganda unbeschreibliches Leid Millionenfach geschehen. Daraus lernen?

 

1.Mose 11,1-9

Der Turmbau zu Babel

Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. Als sie nun nach Osten zogen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst. Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! - und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder. Da fuhr der HERR hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten.

Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen, und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun.

Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe! So zerstreute sie der HERR von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen.

Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat aller Länder Sprache und sie von dort zerstreut hat in alle Länder.

 

 

Liebe Gemeinde,

ich spreche Deutsch. Es ist meine Muttersprache. Wobei mich mein Vater beim Sprechen-Lernen mehr geprägt hat, als meine Mutter. Denn die Sprache, die mein Vater zuhause gesprochen hat, war frauenverachtende Fäkalsprache. Seine wüsten verletzenden Beschimpfungen habe ich immer noch im Gedächtnis. Nun, mein Vater, ein studierter und angesehener Mann, hat auf DEUTSCH zuhause beschimpft und verletzt.

Mit dem Lesen und Schreiben Lernen hatte ich es nicht leicht. Ich bin Legasthenikerin. Und trotzdem habe ich meine Art zu SPRECHEN gefunden.

In der Schule lernte ich Englisch (mehr schlecht als recht), Latein und Griechisch. Im Studium kam Hebräisch dazu. Latinum, Graecum und Hebraicum braucht man, um zum 1. Theologischen Examen an der UNI zugelassen zu werden. Das ist auch heute noch so.

Der ausgebildete Theologe soll in der Lage sein, den Urtext von biblischen Texten lesen und verstehen zu können.

Die zwei Text, Lesung und Evangelium, sind im Urtext in Hebräisch und Griechisch verfasst.

Der Turmbau zu Babel aus dem 1. Buch Mose ist ein bekannter Text. Der erste Vers lautet:

Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache.

Einerlei Zunge und Sprache, „ein Mundart und einerlei Rede“ übersetzt der Religionsphilosoph Martin Buber.

Ach, wäre das schön, wenn wir alle einerlei Sprache sprechen würden! Wäre es schön, wenn man nicht so viele Sprachen und Fremdwörter lernen müsste! … Wäre es schön? … Ja, doch, alle würden sich verstehen, Menschen aus anderen Ländern, die in unser Land kämen, müssten nicht mühsam Deutsch lernen. Die Sprachhürde gäbe es nicht. … Würden sich alle verstehen? … Gäbe es keine Hürden?

Als Jugendliche musste ich mich entscheiden, welche Sprache ich sprechen möchte. Ich musste wählen zwischen einer kränkenden, verunglimpfenden und herabwürdigenden Sprache, und meiner eigenen Sprache, die ich sprechen wollte, mit der ich leben wollte.

Und das innerhalb einer Sprache!

Die Turmbau-Geschichte erklärt, wie es zu so vielen Sprachen auf der Welt gekommen ist. Dabei ist es dem Erzähler wichtig, dass nicht Gott an der Sprachenvielfalt SCHULD ist, sondern die Menschen selbst. Sie haben durch ihre Hybris, durch ihre Bauwut, Gott herausgefordert.

Die Sprachverwirrung ist, nach der Geschichte, eine Strafe Gottes. Die Menschheit sollte durch die Sprachverwirrung geschwächt und zerstreut werden, so dass derart gigantische Turmbau-Aktionen fürderhin unmöglich sein sollten.

Erstaunlich ist, wie erschrocken Gott in der Geschichte über die Fähigkeiten seiner Geschöpfe ist: „…. Nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. …“.

Wir leben im 21. Jahrhundert, unsere Welt ist GLOBAL … GLOBAL VERNETZT. Die Technisierung und Computerisierung schreitet mit all ihren Folgen für Mensch- und Tierwelt voran. Die Türme der Postmoderne lauten: Gentechnologie, Massenproduktion, Kriegswaffenproduktion, Neoliberale Wirtschaftsideologie, Ausbeutung der Armuts- und Schwellenländer … Machterhalt um jeden Preis. Die Folgen sind brutal und nicht mehr zu übersehen.

Trotz der vielen Sprachen auf dieser Welt, sind sich Herrscher, Machthaber, Diktatoren, Wirtschaftsmagnaten einig in ihren Denk- und Handlungsweisen.

Aber auch die Menschen, die sich für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen, sind sich trotz vieler Sprachen in ihren Denk- und Handlungsweisen einig.

Denn sie haben begriffen, dass Worte und Taten eine Einheit bilden müssen, dass Worte nicht nur Worte sind, sondern viel auf dieser Welt verändern können.

Für Freiheit, Menschenrechte, Frieden und Gerechtigkeit riskieren sie ihr Leben, und das weltweit.

Egal aus welchen Land die Menschen kommen, die sich für diese Werte einsetzen, ich möchte gerne mit ihnen an einem Tisch sitzen, fühle mich ihnen tief verbunden.

Zurück zur EINHEITSSPRACHE:

Selbst wenn es auf unserer Welt tatsächlich nur eine einzige Sprache gäbe, die Welt-Einheitssprache, gäbe es trotzdem Missverstehen, Unverständnis und Verkehrung und  Zerstörung des Denkens.

Wer FRIEDE sagt, muss nicht FRIEDE meinen.

Wer GERECHTIGKEIT sagt, muss nicht GERECHTIGKEIT meinen.

Während der Nationalsozialistischen Terrorherrschaft hat es eine furchtbare SPRACHVERWIRRUNG gegeben. Geradezu eine Verkehrung der Worte.

Sofort fällt mir der Spruch „ARBEIT MACHT FREI“ ein, der am gusseisernen Eingangstor des Konzentrationslagers Auschwitz prangte. Auch stand über dem Weg zur Gaskammer im Vernichtungslager Sobibor „Himmelfahrtsstraße“. Wer denkt sich so was aus? Wer ERFINDET für die Ausrottung von Menschen den Begriff ENDLÖSUNG? … Wie viele Menschen haben sich von der Hasspropaganda der Nationalsozialisten einfangen lassen? Haben mitgegrölt … dem Führer zugejubelt … und haben zugeschaut bei brutalen Verbrechen, die der Verbrecher-Staat im großen Stil verübt hat.

Dem Erfindungsreichtum von Menschen- und Sprachzerstörern sind keine Grenzen gesetzt. Auch heute nicht.

Die Sprachzerstörer sind raffiniert, geschult in propagandaartiger Ideologie, nutzen Stimmungen und Strömungen in Gesellschaften aus, und schüren Ängste.

In ganz vielen Kirchen innerhalb der Nordkirche wird heute auf die Lage der Flüchtlinge eingegangen. Überall in Deutschlang engagieren sich Menschen in Helferkreisen, überlegen, was sie selbst einbringen können.

Auch Politiker versuchen mutig Menschenrechte / Asylrechte zu bewahren, sich dem Leid zu stellen.

Den Helfern wird dabei an den Kopf geworfen, sie seien GUTMENSCHEN. Schon 2011 war GUTMENSCH auf Rangliste 2 bei der Suche nach dem UNWORT des Jahres. 2015 wurde GUTMENSCH zum UNWORT des Jahres.

Dieses UNWORT verunglimpft, würdigt herab, diffamiert und soll verletzen. So in der Art: Was sind das bloß für naive Leute, die sich für Flüchtlinge einsetzen.

Flüchtlinge selbst sind noch ganz anderen UNWORTEN und UNTATEN ausgesetzt. Die Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte sprechen ihre eigene Sprache.

Es gibt anscheinend nichts Neues auf dieser Welt.

Beim Predigtschreiben dachte ich die ganze Zeit an George Orwell´s 1984. Er hat es 1949 geschrieben.

In seinem „utopischen Roman“ beschreibt George Orwell eine furchtbare Welt. Der GROSSE BRUDER REGIERT. Überall gibt es Plakate von ihm, überall gibt es Mikrophone und Televisoren. Der Überwachungsstaat ist perfekt, auch Gedanken werden überwacht. Der Hauptakteur ist Winston Smith. Er arbeitet im Wahrheitsministerium, und hat die Aufgabe, die Wahrheit zu verdrehen, Texte aus Zeitungen umzuschreiben. Keiner soll mehr wissen, was wahr und falsch ist. Winston versucht Widerstand zu leisten, wird aber verraten und kommt in die Folterkerker des Ministeriums für Liebe. Die Folter, der er ausgesetzt wird, ist furchtbar. Am Ende liebt er den GROSSEN BRUDER.

  • Krieg bedeutet Frieden
  • Freiheit ist Sklaverei
  • Unwissenheit ist Stärke
  • Zwei und Zwei = Fünf
  • Gott ist Macht
  • Wird in seinen Kopf eingepflanzt.
  • Jesusnachfolge bedeutet gegenüber Menschen- und Sprachzerstören Widerstand zu leisten.

    Amen

     

    Mit G rechnen

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