religiöse Intoleranz

Gott, der für uns Mensch geworden ist,

der unsere Haut getragen hat,

der in unseren Schuhen gegangen ist,

der von ganz unter in die Welt gekommen ist,

um einem jedem von uns nahe zu sein,

sei mit uns allen.

Amen

 

Begrüßung:

10. Sonntag nach Trinitatis

 

ISRAEL-Sonntag

Dieser Sonntag hat das Verhältnis von Christen und Juden zum Thema.

Dieser Sonntag hieß lange Zeit:

„Gedenktag der Zerstörung Jerusalems“

 

Die Evangelische Kirche ist seit 1970 auf dem Weg

ein verändertes  theologisches Verständnis des Judentums zu gewinnen.

Dies als Antwort auf den Völkermord an jüdischen Menschen während des Dritten Reichs/ der Nazi-Zeit.

Antijüdische und antisemitische Theologie findet sich noch zahlreich in Texten von Kirchenvertretern.

 

Sie schleicht sich quasi ein ... oft auch unbedacht.

 

Ich spanne den Bogen weiter ... schaue auf intolerante und ausgrenzende Theologie, die immer noch für sich in Anspruch nimmt, die einzig wahre Theologie – die einzig wahre Rede von Gott – zu sein.

 

Bei nun über 7 Milliarden Menschen auf der Erde – mit all den Religionen und Weltanschauungen – halte ich es für gerade zu Wahnsinn,

von EINER WAHREN GLAUBENSRICHTUG zu reden.

 

Die Wahrheitsfrage werden wir nicht beantworten können. Da sage ich immer zu Menschen mit anderen Glaubensauffassungen, „Wer zuerst stirbt, ist eher klug.“

 

Religionen haben ihren tiefen Sinn, indem sie Menschen Kraft geben für das Leben, indem sie zu mehr Menschlichkeit, Achtsamkeit und Frieden auf dieser Welt führen.

 

Die Menschlichkeit / die Ethik ist für mich

das eigentliche Wahrheitskriterium.

Wenn religiöse Gemeinschaften Menschlichkeit und Toleranz nach Innen und Außen zum Maßstab ihres Handelns und ihrer Weltverantwortung erheben und echt leben, dann gewinnen sie wieder mehr Glaubwürdigkeit.

 

 

 

Lesung: 1. Mose 4, 1-10

Kains Brudermord

Und Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mit Hilfe des HERRN.

Danach gebar sie Abel, seinen Bruder. Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann.

Es begab sich aber nach etlicher Zeit, daß Kain dem HERRN Opfer brachte von den Früchten des Feldes.

 

Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer,

 

aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick.

 

Da sprach der HERR zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick?

Ist's nicht also? Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so  lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie.

 

Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Laß uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.

 

Da sprach der HERR zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein?

 

Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde.

 

 

 

 

Liebe Gemeinde!

 

Weltverantwortung – Weltethik

Darum geht es.

Eine Überlebensfrage der Menschheit.

 

Diese Verantwortung tragen grundsätzlich alle Menschen,

in kleinen wie in großen Dingen des Lebens.

 

In der Kain und Abel Geschichte fragt Gott den Kain:

„Was hast Du getan?“

Kain hat seinen Bruder erschlagen.

 

Gott fragt:

„Was hast Du getan?“

 

Diese Geschichte birgt ein großes Erschrecken.

Das Erschrecken darüber, dass Kain seinen Bruder

auf dem Feld einfach erschlagen hat.

 

Eine Affekthandlung?

Oder ein heimtückischer Mord?

 

Die WAS-HAST-DU-GETAN-FRAGE steht im unmittelbaren Zusammenhang mit der WAS-TUE-ICH-FRAGE.

WAS HABE ICH GETAN? .... WAS TUE ICH?

 

Gottes Frage – Frage des Gewissens – Frage nach der Verantwortung und der Menschlichkeit.

 

Menschen, Gläubige wie Ungläubige, haben sich sie diese Frage zu stellen. Dies allein schon aus dem Gewissen heraus.

Je größer der Verantwortungsbereich und die Machtstellung eines Menschen ist, desto größer ist auch die Verantwortlichkeit des Einzelnen.

Muss er / oder sie sich fragen lassen:

„Was hast Du getan?“ – „Was tust Du?“

 

Wenn ich mir anschaue, wie viele Kriege es allein nach dem 2. Weltkrieg auf dieser Welt gegeben hat, und wie viel Kriege zur Zeit statt finden, wird mir Angst und Bang.

 

Allein der Blick in den Nahen Osten ... nach Ägypten ... nach Syrien ... in den Sudan ... nach Israel!

Angst und Bang wird mir, denn dem Blutvergießen ist kein Ende gesetzt ... die Gewaltspirale dreht sich unaufhörlich weiter ...

Ja und der Irak???? Und Afghanistan??? Nordkorea???

 

All die Schauplätze des wahllosen Todes.

 

Wie viel Leid hat auf dieser Welt über die Jahrhunderte hinweg der Wahrheitsanspruch der Religionsvertreter

der drei monotheistischen Religionen,

Judentum – Christentum – Islam, zu Tage gefördert.

 

Wünschenswert, wenn die Gläubigen zusammen DEN EINEN GOTT, den sie ja verkündigen, anbeten könnten; dies in gemeinsamen Gottesdiensten.

 

Es gibt ja in einigen Großstädten Projekte für ein Haus der Religionen. Würden wir etwas verlieren, wenn wir mit Juden und mit Muslimen zusammen Gottesdienst feiern täten? Gemeinsam um eine friedlichere Welt beten würden?

 

Wäre „unser Glaube“ weniger glaubwürdig, wenn es dazu mehr Offenheit gäbe?

 

Vom Juden Jesus, der für uns Christen eine zentrale Glaubensgestalt ist, sind folgende Worte im Matthäusevangelium überliefert:

 

  • Selig sind die Sanftmütigen;
  • denn sie werden das Erdreich besitzen.
  • Selig sind die Friedfertigen;
  • denn sie werden Gottes Kinder heißen.
  • Sanftmütig und friedfertig WERDEN – gewaltlos Gewalt begegnen – nicht totschlagen, sondern versuchen zu verstehen, versuchen zu überzeugen, versuchen mehr Menschlichkeit und Achtsamkeit zu leben.

     

    Es ist ein weiter Weg hin zur Sanftmütigkeit und Friedfertigkeit – zu Respekt, Toleranz und Verantwortung.

     

    Sich dafür einsetzen, das kostet Kraft und manchmal auch das Leben. Um unserer Kinder und Kindeskinder willen ist es wichtig, dass immer mehr Menschen diesen Weg gehen.

    Wenn ich im Konfirmandenunterricht das Thema „monotheistische Weltreligionen“ aufgreife, dann komme ich auch immer auf die Judenfeindschaft und Judenverfolgungen über die Jahrhunderte hinweg zu sprechen.

    Grausame Judenpogrome hat es in ganz Europa gegeben. Oft mit öffentlichen Hinrichtungen nach Hostienschändungsprozessen oder Ritualmordprozessen. Ein Funke nur genügte, und DIE JUDEN WAREN SCHULD.

     

    War das Wasser in einem Brunnen plötzlich verdorben, haben „die Juden“ den Brunnen vergiftet ... ist ein Kind verschwunden, dann haben „die Juden“ das Kind gefangen und geschächtet, um sein Blut zu trinken ... ist in einem Kirchraum etwas verändert worden, haben „die Juden“ den Kirchraum besudelt und dazu noch geweihte Hostien „entführt“. Auch waren „die Juden“ häufig schuld, wenn eine ansteckende Krankheit ausgebrochen ist.

    Lügengeschichten, aus Hass und Neid geboren und verbreitet, weil Juden keine Christen sein wollten.

     

    Judenverfolgungen und Pogrome gab es die Jahrhunderte hindurch, bis ins 20. Jahrhundert, bis zur Ausrottung von 6,3 Millionen jüdischen Menschen.

     

    Diese Geschichte zu erzählen, ist wichtig!

    Zu fragen, wie es möglich war, dass das mitten im christlichen Abendland geschehen konnte.

    Zu fragen, wo rassistische Ausgrenzung beginnt.

     

    Ich denke jetzt an den NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht in München. Der macht deutlich, zu was rassistische rechtsradikale Menschen fähig sind.

    Welche stumpf dumme Ideologie sie angetrieben hat zu morden.

     

    Der Weg hin zur Friedfertigkeit geht über geschichtliches Wissen. Aus der Geschichte lernen für mehr Frieden und Gerechtigkeit.

     

    Am Holocaust kommen die christlichen Kirchen nicht vorbei. Den Weg dazu hat christliche Judenfeindschaft über Jahrhunderte hinweg bereitet.

    Die Namen der großen Vernichtungslagern, Auschwitz-Birkenau, Majdanek, Sobibor, Treblinka, Belzec, Kulmhof, sollten in unserem religiösen und geschichtlichen Gedächtnis gespeichert sein.

     

    Denn der Holocaust hat die Welt verändert.

     

    Im Konfirmandenunterricht singe ich den Jugendlichen ein jiddisches Lied vor. Es heißt „Dos Kelbl“, der Text stammt von Aaron Zeitlin und die Melodie hat dazu Shalom Secunda komponiert, das 1941.

     

    Sie kennen das Lied unter „Dona, Dona“.

    Jean Beaz hat dieses Lied 1960 weltbekannt gemacht.

     

    Jüdische Menschen haben dieses Lied mit tiefem Schmerz in der Seele an den Orten ihrer NICHTUNG gesungen.

    Im Grunde ist das Lied Klagelied - Klagegebet - Gottesklage.

    In ihm wird Gott gefragt:

     

    Warum bin ich ein Kalb?

    Warum bin ich kein Vogel?

    Warum werde ich gebunden um abgeschlachtet zu werden?

    Warum darf der Vogel mich verhöhnen?

    Warum hast Du mich verlassen, mein Gott?

    Donja ... Donja ...

     

    Warum dieser Hass, warum Ausgrenzung, warum Fanatismus, warum wird Religion immer wieder zur totalitären Ideologie?

    Wo das geschieht, fragt Gott zu Recht:

    „Was habt ihr getan?“ – „Was tut ihr?“

    An seiner Frage kommen wir nicht vorbei.

     

    Ich singe zum Schluß der Predigt das Lied „Donna, Dona,“ auf Deutsch.

    Es ist die Frage WARUM

    Es ist die Klage WARUM

     

    • Oifn forel ligt a kelbl
    • Ligt gebundn mit a schtrik
    • Hojch in himl flit a foigl
    • Flit und drejt sich hin un ts´rik
    • Lacht der wind in korn
    • Lacht un lacht un lacht
    • Lacht er op a tog – a gantsn
    • Un a halbe nacht
    • Donaj, donaj, donaj, donaj,
    • donaj, donaj, donaj-doi
    • Schrejt dos kelbl – sogt der pojer
    • Wer-sche hejst dich sajn a kalb?
    • Wolst gekent doch sajn a foigl
    • Wolst gekent doch sajn a schwalb
    • Lacht der wind in korn ....
    • Bindne kelblech tut men bindn
    • Un men schlept sej un men schecht
    • Wer´s hot ligl – flit aroif tsu
    • Is bej kejnem nischt kejn knecht
    • Lacht der wind in korn ....
  •  

    Amen

     

     

     

    Gott, unbegreiflich ist uns

    die Friedlosigkeit in unserer Welt.

     

    Mein Gott!

    Menschen werden ausradiert

    sterben elend

     

    • Jeder hat nur ein Leben
    • jeder Mensch
    • jede junge Mutter
    • jedes kleine Kind
    • jeder Soldat
    • jeder Freund
    • jeder Feind
    • nur ein Leben
  • Mein Gott! –

    Es werden Wunden gerissen,

    die keiner mehr heilen kann

     

    Jeder hat nur eine Liebe

    jeder Mensch

    jede junge Mutter

    • jedes kleine Kind
    • jeder Soldat
    • jeder Freund
    • jeder Feind
    • nur eine Liebe
  • Mein Gott! –

    Es bleibt Haß zurück

    Nicht Demokratie und Frieden

    Haß und viele Kriegsgewinnler

     

    • Jeder hat nur ein Herz
    • jeder Mensch
    • jede junge Mutter
    • jedes kleine Kind
    • jeder Soldat
    • jeder Freund
    • jeder Feind
    • nur ein Herz
  • Wie jeder Mensch begreifen wird.

    Gott, wir brauchen Träume vom Frieden,

    um selbst Rückgrat gegen Gewalt zu entwickeln,

    um den Menschen, die um Frieden ringen,

    Rückgrat zu sein,

    um ihren Wunsch nach Frieden

    zu unserem Rückgrat zu machen.

     

    Wie jeder Mensch begreifen wird.

    Füße wollen tanzen und nicht im Staub marschieren

    Kinder wollen lachen

    und nicht um Väter weinen

    Menschen wollen ihre Lieben bei sich wissen

    und keine Gräber suchen.

     

    Wie jeder Menschen begreifen wird.

    Wir wünschen Frieden uns allen

    an diesem Ort,

    in diesem Land,

    im Nahen Osten, in Afghanistan, im Irak oder Afrika,

    FRIEDEN auf der ganzen Welt.

     

     

    Du guter und treuer Gott,

    wir beten für uns –

    behalte Du uns in deiner Segenssphäre,

    lass uns Gebende und Empfangende sein.

     

    Sei gegenwärtig, wenn wir jetzt Abendmahl feiern.

     

    Gott, Du bist Mensch geworden für jeden von uns!

    Gott, Du hast alle Höhen und Tiefen des Menschsein durchlebt!

    Gott, Du hast in Deinem Todeskampf

    sogar die absolute Verlassenheit ertragen.

    Dir ist es nicht fremd, was es heißt, Mensch zu sein.

    Du hast unsere Haut getragen,

    für jeden von uns.

     

    Amen

     

     

     

    Mit G rechnen

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