Weihnachtspredigt

Weihnachtspredigt  - gehalten in Damp („der Insel“) am 2. Weihnachtstag,

den 26. 12. 13

 

 

1. Lesung: Johannes 1, 1-5

Im Anfang war das Wort,

und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.

Dasselbe war im Anfang bei Gott.

Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht,

und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.

 

In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.

Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht ergriffen.

 

Evangeliumslesung: Lukas 2, 1-14 (15-20)

Es begab sich aber zu der Zeit,

daß ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging,

daß alle Welt geschätzt würde.

 

Und diese Schätzung war die allererste

und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war.

Und jedermann ging, daß er sich schätzen ließe,

ein jeder in seine Stadt.

 

Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa,

aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids,

die da heißt Bethlehem,

weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war,

damit er sich schätzen ließe mit Maria,

seinem vertrauten Weibe; die war schwanger.

 

Und als sie dort waren, kam die Zeit, daß sie gebären sollte.

Und sie gebar ihren ersten Sohn

und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe;

denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

 

Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde

bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde.

 

Und der Engel des Herrn trat zu ihnen,

und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr.

 

Und der Engel sprach zu ihnen:

Fürchtet euch nicht!

Siehe, ich verkündige euch große Freude,

die allem Volk widerfahren wird;

denn euch ist heute der Heiland geboren,

welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.

Und das habt zum Zeichen:

ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt

und in einer Krippe liegen.

Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen:

Ehre sei Gott in der Höhe

und Friede auf Erden

bei den Menschen seines Wohlgefallens.

 

 

 

 

 

Liebe Gemeinde,

 

363 Tage liegen zwischen dem vergangenen Heilig Abend

und dem diesjährigen Heilig Abend.

363 Tage – ein langer Anweg – eine lange Wartezeit.

 

Weihnachten ist uns ein wichtiges Fest,

das etwas verändern kann,

das berühren kann.

 

Ein Fest mit viel Strahlkraft ... mit Dynamik ...

mit vielen Emotionen ...

 

****

Dieses Fest lieben Menschen oder hassen es ...

und wollen ihn entgehen, dem ganzen Drumherum ...

sehnen sich danach ... oder meiden es ...

 

Ich denke an die Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens,

„A Christmes carol“ – Hauptperson ist ein reicher Geschäftsmann, Mr. Scrooge, der von dem Getue um Weihnachten überhaupt nichts hält. Für ihn ist es ein absolut überflüssiges Fest, das nur Geld kostet. Als ihm sein Neffe „Frohe Weihnachten“ wünscht, winkt er ab, „Weihnachten ... alles nur Possen ... etwas für Narren!

 

Ihn suchen 3 Geister auf.

Der Geist der vergangenen ... der gegenwärtigen und der zukünftigen Weihnacht.

 

Die 3 Geister nehme ich heute mit in die Predigt –

Sie sind im Grunde bei jedem von uns …

begleiten uns das ganze Jahr über von Fest zu Fest.

 

So wie ja auch Gott immer bei uns ... in uns ist ... mitten im Alltag ... in seiner Schöpfung ... im Wind und Wolkenflug ...

... im Werden und Vergehen ....

 

Weihnachten wirklich an sich heran kommen lassen,

es ins Herz hinein nehmen ... wirken lassen,

das ist gleichzeitig leicht und schwer.

 

****

Schauen wir zurück auf vergangenen Weihnachtsfeste,

wie wir sie erlebt haben.

Schöne Feste mit viel Glanz, die unsere Herzen erwärmt haben.

traurige, zerrissene Feste, die sich negativ in unser Gedächtnis eingegraben haben und die wir am liebsten vergessen, verdrängen wollen.

 

Doch unsere Gefühle zu den vergangenen Festen sind in uns gespeichert und bilden unsere Grundeinstellung zum Ganzen.

 

Besonders prägend sind natürlich unsere Kindheitserinnerungen.

 

Familiäre Traditionen und Bräuche, Geschenke, der Weihnachtsmann mit der Rute, das Christkind, Gerüche, Festessen, Gang in die Christmette, Glockenläuten, Lichterbaum, Lieder, Gedichte, Flötenstücke ....

 

Je nach dem, wie dieser besondere Tag die Herzen erfüllt hat,

je nach dem die Botschaft vom Frieden auf Erden bei den Menschen angekommen ist und gelebt wird, wirkt es.

 

Kinder sind da besonders empfänglich und feinfühlig.

Denn Kinder können noch staunen ... sind viel näher an ihrem Seelenkern dran .... auch an ihren Gefühlen.

 

Wenn Liebe und nicht Streit oder gar Gewalt in den Familien vorherrschen, dann wird eine warme ungebrochene Sehnsucht nach echtem Weihnachten geboren, dann ist der Zugang zu dem Wesentlichen da.

 

Ich bin 50 Jahre alt und habe 50 Weihnachten erlebt ... wobei meine Kleinstkinderinnerungen für mich bewusst nicht mehr greifbar sind.

 

Wir alle schwimmen in einem kollektiven Traditionsstrom ... wurden geprägt ... nehmen Traditionen auf ... und prägen selbst wieder unsere Umwelt.

 

****

Die gegenwärtige Weihnacht – ist sie schon Vergangenheit?

 

Das ist die Frage.

Heilig Abend ist vorbei ... ist gefeiert worden oder auch nicht.

 

Noch bei keinem Weihnachtsfest bin ich so vielen Menschen begegnet, die Angst vor diesem Tag hatten, wie dieses Jahr.

Nun, ich habe mit etlichen Menschen gesprochen, die Schweres erlebt haben, die von Trauer oder Angst erfüllt sind.

In den Gesprächen ging es darum, wie es möglich ist, diesen Tag erträglicher zu gestalten, um nicht innerlich zerrissen zu werden.

 

Frohe Weihnachten ... für einen tief traurigen Menschen ...

Normale Weihnachten ... mit aufgesetztem Fröhlichkeitsgehabe

*****

 

Ein Mensch, mit dem ich viel darüber gesprochen habe, wollte mit seiner Familie den Tag anders verbringen.

Viele Überlegungen wurden angestellt ... und wieder verworfen.

Als Familienkonsens hat sich ein Zwischending von Vertrautem und Anderem herausgeschält.

 

Doch kurz vor dem 24. Dezember ist die Mutter unerwartet ins Krankenhaus gekommen.

So wurde das Fest ganz anders als geplant.

 

*****

Ich selbst habe Heilig Abend erschöpft erlebt.

Ich habe anscheinend zu viel nachgedacht.

 

Wichtig war mir bei meiner ganzen Nachdenkerei folgender Gedanke, den ich festhalten will:

Jeder Tag ist Weihnachten – oder kein Tag.

 

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Jeder Tag ist Weihnachten – oder kein Tag.

 

Ein erschöpfender Gedanke ...?

Eine Möglichkeit, das Ganze zu entlasten ...?

Ein abstraktes theologisches Konstrukt ...?

Stellen Sie sich vor, sie würden plötzlich eine Wiederholungsschleife erleben, sie würden mehrere Tage hintereinander am 24. Dezember aufwachen, wobei die Menschen um sie herum den Tag zum ersten mal erleben, ohne Wiederholung.

 

So der Inhalt eines Weihnachtsfilms, „Täglich grüßt der Weihnachtsmann / Every day is Christmas“.

Der Hauptdarsteller verhält sich an jedem Wiederholungsfesttag etwas anders, macht andere Erfahrungen ... und kann in der 6. Wiederholung dem Tag sogar etwas abgewinnen.

 

Seine Aha-Erlebnisse mit Menschen, sein gewonnenes Einfühlungsvermögen, führen dazu, dass er das Wesentliche des Tages begriffen hat – und er dann auch wieder in die normal Zeit entlassen wird.

 

*****

Das Wesentliche ist die Menschwerdung Gottes

Und die eigene Menschwerdung.

 

Beides gehört zusammen.

 

Der Blick nach oben und der Blick um sich herum.

 

Zum Menschsein gehören Gefühle, Achtsamkeit, Mitgefühl,  Menschlichkeit.

 

Weihnachten ist im tiefsten Sinne ein Menschwerdungsfest.

 

Je menschlicher und höchstpersönlicher ein Mensch in seiner Lebenssituation das Fest nimmt, desto mehr Strahlkraft hat es, desto mehr echt fühlt es sich an.

 

****

Kam nun meine Erschöpfung daher, dass ich mir zu viele Gedanken gemacht habe? Dass ich zu viele Gefühle in mir hatte? Dass vergangene zerrissene Weihnachten mich zu sehr im Griff hatten?

 

Ich weiß es nicht.

 

Doch will ich Weihnachten 2013 noch lange nicht abhaken, will es in mir tragen, in mir wirken lassen.

 

Es soll mich die kommenden 363 Tage tragen,

bis zum 24. Dezember 2014.

 

Das wünsche ich Ihnen auch!

 

Amen

 

 

Mit G rechnen

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