Es menschelt arg

Auftakt der Predigtreihe „Es menschelt arg“

In der Alt Duvenstedter Kapelle

Gehalten am: 19. Juni 2016 – 4. Sonntag nach Trinitatis

 

Die Predigten in meiner Predigtreihe „Es menschelt arg“ sind allesamt Erzählpredigten. Ich versuche weitestgehend Bibelsprüche zu vermeiden. Trotzdem stelle ich mich in den Erzählungen den vorgegebenen Texten. In meiner ersten Erzählpredigt geht es um einen „böse gewordenen“ Konflikt in einem Verein. Menschen werden benutzt, unter Druck gesetzt, andere verletzt. Auch innerhalb von Kirchengemeinden schwelen Konflikte, die oft nicht ausreichend aufgearbeitet werden und auf lange Sicht großen Schaden anrichten. Dies erlebe ich immer wieder.

 

 

In der Begrüßung habe ich Folgendes gesagt:

 

Die beiden Lesungstexte (Römerbrief 14, 10-13/ Lukas 6, 36-42) und der neutestamentliche Psalm (Seligpreisungen) geben vor über das menschliche Miteinander zu predigen.

Ich tue das heute in erzählender Weise.

Meine Predigt ist der Auftakt meiner Predigtreihe: „Es menschelt“.

Sie begegnen heute „Tante Käte“ der Chefin vom Landgasthof „Schluckspecht“ / dem Vereinsmitglied Gustav Feiertag / dem Vereinsmitglied Heribert Leitbacher und Pastor Markus Ruckler.

 

Überall erleben wir im Zusammenleben Auseinandersetzungen, Meinungsverschiedenheiten, Konflikten. … In der Schule … am Arbeitsplatz … unter Freunden … in Vereinen und Verbänden.

 

In meinem 2. Examen hatte ich als Prüfungsthema: ÄRGER & AGGRESSION IN DER KIRCHE.

 

Das gleichnamige Buch von Michael Klessmann habe ich dazu gelesen. Gerade im christlichen Milieu kommt es immer wieder zu bösen langanhaltenden Konflikten, bei denen es zu schweren Kränkungen, Verletzungen, kommt.

 

Michael Klessmann vertritt die These, dass der christliche Anspruch … die christlichen Verhaltensregeln … dazu führen, dass ÄRGER und AGGRESSIONEN weggedrückt werden, weil wir ja alle so freundlich und friedlich sein müssen.

 

Wichtig ist es, GEFÜHLE nicht wegzudrücken (Ärger/ Zorn), … aus seinem Herzen keine „Mördergrube zu machen!“ … klar und deutlich zu sagen, was man denkt und fühlt.

 

Predigttext:

  • Lesung: Röm 14, 10-13
  • 10 Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden.
  • 11 Denn es steht geschrieben (Jesaja 45,23): »So wahr ich lebe, spricht der Herr, mir sollen sich alle Knie beugen, und alle Zungen sollen Gott bekennen.«
  • 12 So wird nun jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben.
  • 13 Darum laßt uns nicht mehr einer den andern richten; sondern richtet vielmehr darauf euren Sinn, daß niemand seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis bereite.
  •  

    Liebe Gemeinde!

     

    Im Landgasthof „Zum Schluckspecht“ geht es hoch her. Mitglieder eines für das Dorfleben wichtigen Vereins treffen sich dort wöchentlich zum Stammtisch.

    In den vergangenen Monaten wurde am Stammtisch immer hitziger diskutiert.

    Wichtige zukunftsweisende Entscheidungen stehen an.

     

    Die Meinungen gehen auseinander, Lager haben sich gebildet, die Diskussionen werden immer GRUNDSÄTZLICHER, ja man könnte auch IDEOLOGISCHER sagen: NEUERUNGEN gegen BESTEHENDEM / MODERNE gegen TRADITION.

     

    Und gerade weil so GRUNDSÄTZLICH diskutiert wird, wird es auch PERSÖNLICHER … VERLETZENDER … spielen Sympathien und Antipathien eine Rolle, werden Mitglieder bewertet und in eine Schublade gepackt.

     

    Und es fällt oft lautstark der Satz: „Bleib doch sachlich! Betrachte die Dinge objektiv!“

     

    Tante Käte, die Chefin vom „Schluckspecht“ bekommt natürlich viel mit. Sie ist frappiert darüber, wie sich die Streitparteien gegenseitig schlecht machen. Ab und an kommen einzelne Mitglieder zu ihr an die Theke und schimpfen.

     

    Auf Tante Kätes Meinung wird im Dorf gehört. Sie ist ein Original … eine Institution. Dies deswegen, weil sie klar und deutlich ihre Meinung sagt. Und streiten, das kann sie. Dabei ist ihr egal wie „großkopfert“ ihr Kontrahent ist.

     

    Immer direkt – immer frontal – sagt sie oft.

     

    Leicht angetrunken und extrem angefressen setzt sich Gustav Feiertag an die Theke. Tante Käte beäugt ihn kritisch:

    • Gustav, für Dich ist heute Feierabend. Dir schenke ich nix mehr ein.
  • „Warum? Warum nur?“, murmelt Gustav Feiertag vor sich hin und schiebt Tante Käte sein leeres Bierglas hin.

     

    Tante Käte kennt Gustav schon lange. Er ist ein Gemütsmensch, unheimlich hilfsbereit, harmoniebedürftig und schweigsam.

    An den Streitereien im Verein leidet er zusehends. Es haben sich Parteiungen gebildet … und permanent wird er von Mitgliedern bearbeitet, sich auf ihre Seite zu schlagen.

     

    Tante Käte nimmt Gustavs Gemütszustand wahr, stellt das Glas, das sie gerade für einen anderen Gast am Zapfhahn mit Biergold füllt geräuschvoll auf die Theke und legt ihre Hand auf Gustav Feiertags Ärmel.

    • Gustav, willst Du wissen, warum ich Dir kein Bier mehr ausschenke oder willst Du wissen, warum bei Euch im Verein so viel schief läuft und ihr Euch zerfleischt?
  • Undefinierbare Laute gibt er von sich und sackt in sich zusammen. Sein Kopf liegt fast auf der Theke und er ist mordmäßig traurig.

     

    Da nähert sich Heribert Leitbacher und will sich neben seinen Vereinskameraden setzen.

    Da Tante Käte weiß, dass Leitbacher ein Scharfmacher ist, dass es ihm um Beeinflussung geht, sagt Tante Käte barsch zu ihm:

    • Ich kümmere mich um Gustav, setz Dich zu Deiner Truppe!
  • Vor sich hin schimpfend zieht Leitbacher ab. Er hatte Gustav Feiertag fast so weit, … hatte ihn fast für sich gewonnen. Gustav Feiertag ist das Zünglein an der Waage, wer ihn für sich gewinnt, siegt bei den anstehenden Abstimmungen.

    Persönlich kann Leitbacher Feiertag nicht leiden. Für ihn ist er ein gefühlsduseliger Dummkopf.

     

    Gustav Feiertag ist froh, dass Käte ihn weggeschickt hat.

    • Käte, ich halte das nicht mehr aus. … Alle zerren an mir … setzen mich unter Druck. Mir geht es um die Gemeinschaft, um die Sache … die Freude.
  • Plötzlich fängt Gustav Feiertag zu weinen an. Tante Käte kommt um die Theke herum und nimmt ihn in den Arm. Alle in „der Schankstuv“ schauen zu ihnen hin.
  •  

    Gustav, morgen gehst Du mit mir zu Pastor Ruckler.

     

    In Gustavs Augen sieht Käte Überraschung und Erschrecken.

     

    • Gustav, Du weißt, dass ich Ruckler total abgelehnt habe. Wir sahen uns und wir mochten uns nicht. Viele mochten ihn im Dorf nicht. Er hatte einen schweren Stand. Vor 5 Jahren ist er hier her gekommen, hat sich an die Theke gesetzt, und hat zu mir gesagt: „Sie haben gewonnen. Ich gehe … Ich streiche die Segel!“, dann ist er aufgestanden und ist gegangen. … Nie werde ich seinen Gesichtsausdruck vergessen … seinen Blick … seine Augen. Mir ließ er keine Ruhe. Ich bin um 23 Uhr bei ihm aufgeschlagen. … Wir haben lange miteinander gesprochen. Teilweise hat es wehgetan. … Um 5 Uhr morgens bin ich gegangen. … Ruckler wird Dir zuhören und Dir helfen.
  • Gustav Feiertag ist schon lange kein Kirchenmitglied mehr. Er hasst Pfaffen. Die reden fromm daher und halten sich nicht an das, was sie predigen. Scheinheilige eben, die mit Bibelsprüchen totschlagen. So sieht Gustav Feiertag das, und steht kopfschüttelnd auf.

    • Käte, keine gute Idee. … Geh Du ruhig zu Deinem Pfaffen. Ich komm schon klar. Was weiß der studierte Schlauschnacker schon.
  • Tante Käte lässt ihn nicht aus.

    • Begegne dem MENSCHEN RUCKLER! … RUCKLER ist ein Mensch. Als ich spät abends bei ihm geschellt habe, hat er mich reingelassen. Wir haben uns lange schweigend gegenüber gesessen, dann hat er angefangen zu weinen. 
  • Gustav Feiertag lacht trocken auf.

    • Käte, … Du bist eine unverbesserliche Mutti. Du hast Dich von seinen Tränen erweichen lassen, hast ihn dann an Dein großes Mutterherz gedrückt und ihn getröstet.
    • Ne, ne, Gustav. So war das nicht. … Ich war befremdet, peinlich berührt und wollte aus der Nummer raus. … Doch Ruckler hat mich zornig angeschaut und hat zu mir gesagt: „Frau Klabusch, jetzt gehen Sie schon. … Gehen Sie in Ihre Schankstuv und erzählen Sie dort allen, dass ich vor Ihnen geheult habe. … Geben Sie es zum Besten und schenken Sie allen einen aus.“ … Tja, das hat mich getroffen. Du weißt, dass ich gläubig bin, dass ich versuche meinem Gewissen zu folgen. … Eine Kirchenrennerin bin ich nicht. … Wir haben miteinander gerungen. Ich wurde laut … und dann leise. … Auch ich habe in dieser Nacht geweint. Und das Weinen hatte ich mir abgewöhnt. … Und, Gustav, in keinem unserer vielen Gespräche ist mir Markus Ruckler mit irgendwelchen Sprüchen gekommen.
  • Am nächsten Tag hat sich Gustav Feiertag tatsächlich zu dem Menschen, Markus Ruckler, auf den Weg gemacht. In der Vereinsangelegenheit hat er sich nicht benutzen lassen, sondern ist seinem Gewissen gefolgt. In die Kirche ist er trotzdem nicht wieder eingetreten.

     

    Amen.

    Mit G rechnen

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