Stimme der Opfer

Buchprojekt
Zedmann

 

Filmprojekt,

mein Glaubensbekenntnis !!!

Stimme der Opfer

Stimme eines Menschen,
der durch Sexualverbrechen an Leib und Seele schwerst beschädigt wurde

Im Juni 2011 habe ich begonnen, an meiner Homepage zu arbeiten. Sie enthält Werkstücke, Texte, Bilder, Kunstwerke, Gedichte, Tonaufnahmen, die Zeugnis davon ablegen, wie schwer es ist aus meinem „Drecksmodderloch“ heraus zu kommen, in dem ich Zeit meines Lebens stecke. Symbolhaft gestalten, das ist für mich ein Weg, das Unsagbare, das Unerträgliche, aus zu drücken.

Gleichzeitig ist es ein Weg der Befreiung, der allerdings teuer erkauft ist. Um deutlich zu machen, WAS mir widerfahren ist, muss ich dabei durch meine innere seelische Opferlandschaft gehen. Vergangenheit und Gegenwart vermischen sich, Leiberinnerungen quälen mich, Alpträume erschrecken mich, alte Opfergefühle kommen hoch ... Todesschattenschluchten liegen hinter mir und erwarten mich.

Leidensgenossen können gut verstehen, wovon ich spreche.

Befreiend ist mein Weg, weil ich dabei spüren kann, wie viel Kraft in mir steckt. Meine Seele ist zwar schwerst beschädigt, doch sie lebt! Sie ist lebendig und hat überlebt. So fühle ich mich auch immer lebendiger, mit jedem Werkstück. Opfergefühle, die mich im Innersten gefangen halten, zerre ich nach oben und „verhackstücke“ sie als alte miese Gefühle, die mir mein Vater besorgt hat. Dabei habe ich oft ein Brüllen im Schädel ...

Befreiend ist es auch, weil ich mich selbst endlich ernst nehme. Weil ich mir selbst zu höre und „meine kleine Susanne in mir“ nicht mehr beiseite schiebe. „Meine kleine Susanne“ hat in mir Platz zum leben. Sie darf schreien, weinen, klagen ... sie braucht sich nicht mehr in mir verstecken ... sie braucht auch keine Angst mehr haben, dass ich sie durch selbstverletzendes Verhalten an die Wand schleudere.

Den Mut zu haben, mit Gesicht und Namen heraus zu kommen, und das als Pastorin, das ist ein schwerer Entschluss gewesen.

Coming-out in der Öffentlichkeit!

Meine Erfahrungen mit dem System des Verschweigens und Vertuschens haben mich dazu gebracht. Zu wissen, wie unsagbar schwer es ist, als Missbrauchsopfer gegen dieses System des Verschweigens, gegen das „unter den Teppich kehren“ etwas zu unternehmen. Als Kind, als Jugendliche, und auch als schwerst traumatisierte Erwachsene hatte ich keine Chance. Opfergefühle, wie Ohnmacht, Schuld, Scham, Todesangst, Einsamkeit, Selbsthass, Ekel ... und und und, hatten mich lange Zeit fest im Griff. Doch die Not ist so groß! Wir sind so viele. Und wir lassen uns immer noch beiseite schieben, zu Bedürftigen „Opferlein“ machen, für psychisch krank erklären. Wir erfahren Demütigungen noch und noch. Müssen uns fast entschuldigen, dass wir die Gesellschaft, die Institutionen, mit unserem dreckigen, lästigen, Schicksal konfrontieren. Ich habe das selbst erlebt. Über Missbrauch zu sprechen, das sei ja so hoch kompliziert, das würde Menschen verstören, irritieren, belasten. Das sollte vor allem kein Opfer tun, denn die würden sich selbst damit schaden ... sie würden so auch nie aus ihrem Opferstatus heraus kommen, sie würden ihr Opfersein perpetuieren. Vor meiner Predigt in Ahrensburg 2010 musste ich mir anhören: „Ich dürfe mich überhaupt nicht  öffentlich zum Thema Missbrauch äußern, bevor ich meinem Vater nicht vergeben habe.“ In dem Gespräch mit dem Kirchenmann kam es noch schlimmer: „Ich werde in dem Moment, in dem ich öffentlich darüber spreche, zur Täterin!“

Ja, nu denne denn! Das lasse ich mir nicht mehr bieten. Ich gehöre ja zu den „Altfällen“. Ich muss ein Leben lang unter den Folgen der Sexualverbrechen meines Vaters leiden, habe 15 Jahre lang auf der Erde geschlafen, habe schwerste seelische und körperliche Einschränkungen, kann keine Kinder bekommen ... habe es schwer einen Zugang zu meiner eigenen selbstbestimmten Sexualität zu finden ... bin trockene Alkoholikerin und muss dem Drang, mich selbst zu verletzen, widerstehen. Schon nach meinem 28 Geburtstag gehörte ich zu den Altfällen. Nach Ablauf der Verjährungsfrist von 10 Jahren ein „Altfall“. Meine Güte! Erst im Alter von 37 Jahren habe ich begonnen, meine sequenzielle Posttraumatische Belastungsstörung klinisch an zu gehen. Da war mein Vater schon tot!

Mit 37 mein erster Klinikaufenthalt, weil ich ansonsten einfach auseinander gebrochen wäre. Wenn ich das alles bedenke, wird mir klar, dass die meisten Missbrauchsfälle überhaupt nicht aufgeklärt werden. Dass die meisten missbrauchten Menschen damit ohne Hilfe, ohne Wiedergutmachung, ohne Schadensersatz ... ohne Therapiekostenübernahme, klar kommen müssen. Allein schon sich Hilfe beim Psychologen zu holen ist heute noch kein leichter Schritt. Dabei kommen Schamgefühle hoch. Zum Psychologen oder gar in die „Klapse“ gehen zu müssen, und das wegen Missbrauch, wie erklärt man das dem Arbeitgeber oder der Familie?!

Jetzt mit 48 Jahren bin ich dran eine Theologie zu entwickeln, die Missbrauchsopfer/Überlebende ertragen können. Nicht diese Vergebungssülze, die über uns ausgegossen wird, um uns still zu halten. Rede von Gott, von Vergebung, angesichts von Menschen, die ein Leben lang unter den, an ihnen begangenen Verbrechen, leiden. Wer zu uns Missbrauchsopfern/Überlebenden spricht, sollte sich klar machen, dass wir heftigst mit unserm Gott ringen, dass wir einen langen höchstpersönlichen Weg der inneren Versöhnung gehen müssen. Mal bin ich in mir versöhnter, mal bin ich es weniger. Doch in mir trage ich den tiefen Glauben, dass in den schrecklichsten Zeiten, Gott mit mir gelitten und geweint hat.

Susanne Jensen

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