Profeten Burn out

Jeremia 20, 7-11a

 

HERR, du hast mich überredet, und ich habe mich überreden lassen. Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen; aber ich bin darüber zum Spott geworden täglich, und jedermann verlacht mich.

 

Denn sooft ich rede, muss ich schreien; »Frevel und Gewalt!« muss ich rufen. Denn des HERRN Wort ist mir zu Hohn und Spott geworden täglich.

Da dachte ich: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, in meinen Gebeinen verschlossen, dass ich's nicht ertragen konnte; ich wäre schier vergangen.

 

Denn ich höre, wie viele heimlich reden: »Schrecken ist um und um!« »Verklagt ihn!« »Wir wollen ihn verklagen!« Alle meine Freunde und Gesellen lauern, ob ich nicht falle: »Vielleicht lässt er sich überlisten, dass wir ihm beikommen können und uns an ihm rächen.«

 

Aber der HERR ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen. Sie müssen ganz zuschanden werden, weil es ihnen nicht gelingt. Ewig wird ihre Schande sein und nie vergessen werden.

 

Liebe Gemeinde!

 

Jeremia ist ein Profet, der in etwa von 625 bis 585 vor Christus in Jerusalem, im Südreich Juda zur Zeit der Könige Josia, Joahas, Jojakim und Zedekia wirkte.

 

Ein langer Zeitraum – ein langes Profetenleben.

 

Geboren wurde er in Anatot als Sohn des Priesters Hiskija.

Also entstammt er einer gehobenen und gebildeten Bevölkerungsschicht und hat sich sein Leben lang mit

Gottes Wort / Gottes Geboten befasst.

 

Die Aufforderung Gottes Wort zu verkündigen,

spürte er in sich schon als junger Mann.

Doch hat er diese Berufung schon von Anfang an

als Überforderung empfunden.

 

Überforderung war es vor allem deswegen,

weil er den Menschen überwiegend Negatives

zu sagen hatte.

Unheilsandrohungen und der Ruf zur Umkehr

standen im Mittelpunkt seiner Verkündigung.

 

„Sooft ich rede, muß ich schreien;

»Frevel und Gewalt!«“,

heißt es im Predigttext.

 

Wer will solche Profetenworte schon gerne hören?

Insbesondere die Herrschenden im Königshaus und

die religiösen Eliten am Tempel wollten sich das nicht

von einem selbsternannten Profeten, einer sonderbaren Außenseitergestalt, vorhalten lassen.

 

So erlebte Jeremia viel Widerstand und Widerwillen.

 

 

„Sooft ich rede, muss ich schreien;

»Frevel und Gewalt!«“,

ruft der einsame Künder Gottes

seinen Zeitgenossen zu.

 

Was Jeremia unter „Frevel und Gewalt“ subsummiert,

das setzt sich zusammen aus 1. dem Liebäugeln mit anderen Götterkulten, die in und um Israel lebendig waren,

2. der Zerstörung der Solidargemeinschaft durch Habgier, Machtausübung, Gewinnstreben, Lug und Betrug,

3. eine falsche Sicherheit, in der sich die für das Volk Verantwortlichen wähnten, so als ob ihr Abfall vom Glauben und vom rechten Weg keine Konsequenzen haben würde,

und 4. aus der Verfolgung, die Jeremia als Künder Gottes erlebt hat.

 

Wer mag da schon gerne Profet sein?

Jeremia hatte scheinbar keine Wahl.

 

Ganz viel Druck und Zwang erlebte er.

Da kann man verstehen, warum Jeremia klagt.

Denn Bedrohung war um und um.

 

Schon allein die politische Großwetterlage war bedrückend. Das Königreich Juda war umzingelt von feindlichen Ländern, von den Assyrern, den Ägyptern und den Babyloniern.

Die Frage, wie lange kann der Staat Juda sich noch irgendwie behaupten, lag in der Luft.

 

Eine Frage der richtigen Bündnisse und der richtigen Politik, oder eine Frage des richtigen Glaubens?

 

Für Jeremia stand fest:

Würden sich alle Menschen an Gottes Gebote halten,

dann würde es keiner Außenmacht gelingen,

das Land einzunehmen.

 

Als Mensch des 21. Jahrhunderts

habe ich viele Fragen an Jeremia.

Fragen, die wunderbar Anknüpfung finden

an dem Predigttext.

Denn dieser Text – der letzte von 5 Klagegebeten

des Jeremia – ist unglaublich authentisch.

 

Jeremia – aus deinem Klagen höre ich heraus:

Ich will nicht mehr,

ich kann nicht mehr,

ich kann nicht anders.

 

  • Am Anfang meiner Tätigkeit stand die Überredung Gottes.
  • „HERR, du hast mich überredet,
  • und ich habe mich überreden lassen. ...“
  • Als ich Gott erst einmal sagte,
  • dass ich zu jung bin und mich dem Auftrag nicht gewachsen fühle, ahnte ich schon, dass es mich an meine Grenzen führen würde ... dass es unerträglich werden würde.
  • Ja, trotzdem ... ich habe mich auf die Aufgabe eingelassen,
  • mich ihr verschrieben – und das mit Haut und Haaren.
  • So habe ich auch keine Frau geheiratet,
  • keine Familie gegründet.
  • Ich habe alles was ich bin und kann
  • in den Dienst Gottes gestellt.
  • Eine komplette Überforderung, Jeremia!

    Ausschließlich ... ohne Pause ... ohne Rückzugsmöglichkeit ... in vorderster Front ... im permanenten Kampfmodus ...

    in rasender Fahrt ... Profet Gottes sein wollen.

     

    Deine Klage kann ich gut verstehen

    dein Gefühl alleine gegen den Rest der Welt zu kämpfen.

    deinen absoluten Frust über diese Zumutung Gottes,

    verstehe ich alles vollkommen.

     

    Auch dein Zorn gegen Gott und dich selbst.

    Dein Wunsch, dem Ganzen ein Ende bereiten wollen,

    zu sagen, bis hier her und nicht weiter.

     

    • „...des HERRN Wort ist mir zu Hohn und Spott geworden täglich. Da dachte ich: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen predigen.“
    • Die Angriffe tagtäglich ... das Dauermobbing ...
    • die Isolation ... die Wut darüber, warum mir niemand zuhören will …
    • nie hätte ich gedacht, dass ich jemals wünschen würde, Gott hätte mich bloß nicht ausgesucht.
    • Nicht mehr an Gottes Auftrag denken ... nicht mehr an Gott denken ... überhaupt nichts mehr denken müssen – ja, das wäre es.
  • Jeremia, Du hast einen handfesten Burnout!

    Dein Kanal ist voll, deine Kraft am Ende.

    Du siehst dich nur noch von Feinden umgeben.

    Dein Gott erscheint dir grausam und unbarmherzig,

    denn er ist für dich ein strafender und fordernder Gott.

     

    Da kann ich dich auch absolut verstehen.

    Nur fordert Gott wirklich von dir die Selbstaufgabe,

    fordert er von dir, dass Du Dich opferst?

     

    • Ich will nicht mehr an ihn denken
    • und nicht mehr in seinem Namen predigen.
    • Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, in meinen Gebeinen verschlossen,
    • daß ich's nicht ertragen konnte;
    • ich wäre schier vergangen.
    • Ich muss ... ich muss ... es brennt in mir ... Gottes Auftrag ... Gottes Wort ... brennt in mir ... ich muss mich opfern ... weiter machen bis zum bitteren Ende.
    • Und dann hat mir ja auch Gott versprochen,
    • dass er bei mir ist wie ein starker Held
    • und meine Verfolger alle fallen werden.
  • Jeremia, hier muss ich Dir sagen:

    Fortiter in re, svaviter in modo.

    Tapfer in der Sache, doch sanft in der Art und Weise.

     

    Sanft in der Art und Weise.

    Damit erreicht man oft viel mehr.

    Das sagt mir auch immer wieder meine Schwiegermutter, wenn ich so aufgeladen bin und zornwütig Kritik übe.

    Sie hat Recht.

    Denn, wenn man zu hart Kritik übt, gerät man in die Gefahr, dass einem die Menschen nicht mehr zuhören und sagen: „Ach, schon wieder der!“ – „Der macht alles schlecht!“ – „Der macht dauernd nur Angst!“ – „Der redet ständig von Katastrophen, von Unheil, vom falschen Weg, den wir gehen.“

    Es ist auch auf Dauer gesünder, nicht so hart anderen

    die Meinung zu sagen.

     

    Ich verstehe Dich, Jeremia, in Deinem Zorn.

     

    Doch Dein Zorn – weil Du immer wieder auf Widerstand stößt, frisst Dich langsam aber sicher auf.

     

    Bei Dir ist viel ICH MUSS ... ICH KANN NICHT ANDERS ... GOTT FORDERT ...

    Versuch doch sanftmütiger mit Dir selbst umzugehen.

    Dich nicht zu überfordern in Deinem MUSS.

     

    Und in allem Zorn kann man oft nicht mehr erkennen, wer bereit wäre, über das, was Deine Botschaft ist, nach zu denken.

     

    Doch es ist eben Deine Art - Dein Weg –

    Deine Entscheidung – Dein Opfergang.

     

    Nun, Du kommst aus einer anderen Zeit – aus dem 7./ 6. Jahrhundert vor Christus – ich lebe im 21. Jahrhundert und habe ein anderes Menschen- Welt und Gottesbild als Du.

     

    Mein Glaube ist nicht ausschließlich geprägt von DU MUSST, von Härte, Zwang und Selbstaufgabe.

    Auch Fanatismus ist verkehrt ... und Fremdenhass ...

    und das postulieren vom einzig wahren Glauben.

    Daran habe ich hart gearbeitet,

    dass Selbstachtung in mir gewachsen ist.

     

    Und aus der Selbstachtung erwächst für mich die Achtung vor dem anderen Menschen und auch die Kraft,

    mich für andere Menschen ein zu setzen.

     

    Jesus sagt sehr deutlich:

    Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst.

     

    Da ist mir Jesus sehr nahe, sehr menschlich.

     

    Obwohl ich bei ihm manches ebenso nicht verstehen kann.

    Er gerät ja vom Beginn seiner Verkündigung an in Konflikt mit den religiösen Eliten im Land, mit der Oberschicht,

    den Bestimmern.

     

    Stößt viele vor den Kopf ... konfrontiert und geht Schnur gerade seinen Weg bis zum Kreuz.

     

    Jesu Weg, ein Weg ans Kreuz.

    Fortiter in re, svaviter in modo.

    Tapfer in der Sache, doch sanft in der Art und Weise.

     

    Jesus konnte beides:

    Sanftmütig sein – kompromisslos sein.

     

     

    Seligpreisen und anklagen.

     

    Auch die Sanftmütigen, Friedfertigen, müssen Farbe bekennen, müssen, wenn ihr Gewissen es ihnen sagt, einen harten Weg gehen.

     

    Selig sind, die da geistlich arm sind;

    denn ihrer ist das Himmelreich.

     

    Selig sind, die da Leid tragen;

    denn sie sollen getröstet werden.

     

    Selig sind die Sanftmütigen;

    denn sie werden das Erdreich besitzen.

     

    Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.

     

    Selig sind die Barmherzigen;

    denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.

     

    Selig sind, die reinen Herzens sind;

    denn sie werden Gott schauen.

     

    Selig sind die Friedfertigen;

    denn sie werden Gottes Kinder heißen.

     

    Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.

     

    Amen.

     

    Mit G rechnen

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