christlicher Selbsthass

Lukas 14, 25-33

 

 

Von Nachfolge und Selbstverleugnung

  • Es ging aber eine große Menge mit JESUS; und er wandte sich um und sprach zu ihnen:
  • Wenn jemand zu mir kommt und haßt nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu sich selbst, der kann nicht mein Jünger sein.

     

    Und wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein.

  • Denn wer ist unter euch, der einen Turm bauen will und setzt sich nicht zuvor hin und überschlägt die Kosten, ob er genug habe, um es auszuführen, -
  • damit nicht, wenn er den Grund gelegt hat und kann's nicht ausführen, alle, die es sehen, anfangen, über ihn zu spotten,

    und sagen: Dieser Mensch hat angefangen zu bauen und kann's nicht ausführen?

    Oder welcher König will sich auf einen Krieg einlassen gegen einen andern König und setzt sich nicht zuvor hin und hält Rat, ob er mit Zehntausend dem begegnen kann, der über ihn kommt mit Zwanzigtausend?

    Wenn nicht, so schickt er eine Gesandtschaft, solange jener noch fern ist, und bittet um Frieden.

  • So auch jeder unter euch, der sich nicht lossagt von allem, was er hat, der kann nicht mein Jünger sein.
  •  

     

     

     

    Liebe Gemeinde!

     

    Menschen leben in Bezügen.

    Familienangehörige .... Verwandte .... Partner .... Menschen, mit denen man Leben / Sorgen teilt .... Freunde .... Bekannte .... Nachbarn ..... Arbeitskollegen ....

     

    Bindungen ... Beziehungen ... Gemeinschaft ....

     

    Das nennt man auch soziales Umfeld.

    Es gibt ein engeres und ein weiteres soziales Umfeld.

     

    Mein engeres soziales Umfeld besteht aus meinen nächsten Angehörigen – aus meinen Freunden .... aus guten Bekannten .... vertrauten Menschen, mit denen ich ein offenes Wort sprechen kann.

     

    Mein soziales Umfeld – meine direkten Bezüge – sind mir wichtig. Ohne die mir vertrauten nahen Menschen möchte ich nicht leben. Sie sind mir ans Herz gewachsen.

    Wobei mir mein Mann der wichtigste Mensch in meinem Leben ist. Mit ihm teile ich alles und er mit mir.

    Auch Sorgen und Traurigkeit.

     

    So sind wir beide eine Lebensgemeinschaft und halten zusammen in guten und in bösen Tagen.

     

    *****

    Ein gutes soziales Umfeld – vertraute Menschen – geben Sicherheit – Geborgenheit – Heimatgefühl. Dort, wo die Menschen sind, die einem etwas bedeuten, dort ist man auch zu Hause.

    Heute wird von vielen Menschen immer mehr MOBILITÄT gefordert. Sie müssen sich danach richten, wo sie Arbeit finden. Wer MOBIL ist hat mehr Chancen im Berufsleben.

     

    Ein ehemaliger Konfirmand von mir macht gerade eine Ausbildung bei der Bundeswehr in München. Er leidet sehr darunter, so weit weg von seinem zu Hause zu sein.

    Das hat mir seine Mutter erzählt.

    Alles ist ihm in München fremd ... die Menschen ... die Sprache ... das Klima ... die Berge ... die Enge ... die Stadt München ...

    Ihm fehlen Strand, Wasser, Wind und Wolken ... Weite ... vertraute Landschaft ... vertraute Klänge ... seine Freunde ... seine Familie ... der Ort, in dem er aufgewachsen ist ....

     

    MOBIL sein, EINSATZBEREIT sein ... FLEXIBEL sein ... das wird gefordert. Sicherheit gibt es kaum.

    Firmen/ Behörden machen Umstrukturierungen, schließen Standorte ... schaffen größere Einheiten, RATIONALISIEREN ... entlassen Personal ... sourcen out ...

    Woher die Beschäftigen kommen, das ist den Chefs zu meist egal .... Hauptsache, sie funktionieren, leisten das Pensum und machen keine Probleme ...

     

    Weil das Arbeitsleben für viele Menschen heute so belastend ist, deswegen sind die sozialen Bezüge

    um so wichtiger.

    *****

    Wer durch äußere Umstände gezwungen wird, sein Lebensumfeld zu verlassen, um ziehen muss, der versucht natürlich 1. Freundschaften zu halten, auch aus der Ferne. Was sich häufig als sehr schwierig erweist.

    Manchmal hilft ein Soziales Netzwerk im Internet (facebook), die räumliche Entfernung zu überbrücken.

    Und der versucht: 2. neue Freundschaftsbeziehungen zu knüpfen.

     

    Auch durch die Arbeit ergeben sich Beziehungen, entsteht Vertrautheit, Kollegialität .... durch gemeinsames Schaffen, durch gemeinsam getragene Verantwortung.

     

    ******

    Stellen Sie sich vor, Sie stoßen auf einen Prediger,

    umringt von begeisterten Zuhörern, der Folgendes sagt:

    • Wenn jemand zu mir kommt und haßt nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu sich selbst, der kann nicht mein Jünger sein.
    • Und wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt,
    • der kann nicht mein Jünger sein.
    • So auch jeder unter euch, der sich nicht lossagt von allem, was er hat, der kann nicht mein Jünger sein.
  • Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen damit geht – mit diesen Worten,

    mich stoßen sie ab.

    Dabei weiß ich, dass diese Predigtworte aus dem Lukasevangelium stammen, aus dem Zusammenhang heraus gerissen sind, und ich weiß, dass das Lukasevangelium Ende des 1. Jahrhunderts verfasst wurde ... dass es Aussprüche Jesu aus der mündlichen Überlieferung aufgenommen hat, dass man sich fragen muss, ob Jesus diese Sätze tatsächlich gesprochen hat – und in welchen Zusammenhang.

    Schlicht, das Lukasevangelium gibt seine eigene Jesus-Version wieder, gefärbt durch theologische Grundannahmen, die die Autoren des Evangeliums gehabt haben.

    Und das vor fast 2000 Jahren!

     

    Das muss man dem Textabschnitt zu Gute halten, er ist alt und ist aus einem Zusammenhang gerissen, in vergangene Lebenswirklichkeit hinein gesprochen.

     

    *****

    Na ja gut – also wieder um 1000 Ecken denken – den Predigttext übersetzen in unsere Zeit, so dass wir damit etwas anfangen können.

     

    Doch wie soll man das ÜBERSETZEN????? Wie VERSTEHEN, was gemeint ist???? - Wie für das eigene Leben umsetzen???

    • Wenn jemand zu mir kommt und haßt nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu sich selbst, der kann nicht mein Jünger sein.
  • Die VOLX-Bibel – eine moderne Bibelübertragung in Jugendsprache bietet folgendes an:
    • „Wer mit mir leben will, muss einen radikalen Schnitt mit seiner Vergangenheit machen. Er muss mich mehr lieben als seinen Vater und seine Mutter, seine Frau und seine Kinder, mehr als seine Brüder und seine Schwestern. Er muss mich sogar mehr lieben als sich selbst.
  • Radikaler Schnitt mit der Vergangenheit ... mit den vertrautesten Menschen .... dabei drei mal MUSS ....
  • Auch nicht viel besser.

     

    *****

    So einen radikalen Bruch mit der Familie / dem sozialen Netzwerk, in das Menschen eingebunden sind .... das fordern Sekten.

    Sekten sind daran interessiert, Menschen zu isolieren, zu vereinzeln, um sie besser manipulieren zu können. Kritisches Hinterfragen von Angehörigen ist da nicht erwünscht.

     

    Der „eingefangene“ Mensch taucht in eine NEUE GESCHLOSSENE GESELLSCHAFT ein, lernt die dortigen Spielregeln, wird für die sektenartige GRUPPIERUNG „dienstbar“ gemacht.

    Das Auflösen der vorher bestehenden Bezüge soll den EINGEFANGENEN nicht nur von seiner Umwelt trennen, sondern es dient auch dazu, ihn sich selbst zu entfremden.

     

    • Wenn jemand zu mir kommt, und hasst nicht sich selbst, der kann nicht mein Jünger sein.
  • Selbstaufgabe .... Selbstverleugnung .... und Verlust an Selbstbewusstsein und Selbstachtung liegen dicht beieinander.

     

    ******

    Ein Mensch, der seine nächsten Angehörigen hasst ....

    der seine Kinder hasst .... der sich nicht mehr für sie verantwortlich fühlt .... sich nicht mehr um sie sorgt ...

    der einfach SEIN DING MACHT, egal was es für ein Ding ist, was ist von dem zu halten?

    Ist der vertrauenswürdig / glaubwürdig?

     

    *****

    Was mache ich jetzt damit?

    Ich weiß es ehrlich nicht.

     

    Meinen Konfirmanden habe ich immer gesagt, 1. dass Selbstachtung und die Achtung vor anderen Menschen zusammen gehören; 2. dass Ethik etwas anderes ist als Moral, die man sich zurecht basteln kann; 3. dass die Konfirmanden misstrauisch werden sollen, wenn Menschen auf Glaubensfragen zu viele Antworten parat haben; 4. dass sie religiöse Gemeinschaften meiden sollen, in denen Kritik/ Denken / Nachfragen unerwünscht ist; 5. dass sie religiöse Gemeinschaften meiden sollten, die intolerant sind, die andere Menschen ausgrenzen, die sich elitär und auserwählt geben, deren Lehren sich anhören, wie unumstößliche Wahrheiten.

     

    Ich sage meinen Konfirmanden, dass sie ihre Zweifel und Anfragen ernst nehmen sollen, dass sie insbesondere auf ihre innere Stimme hören sollen.

     

    Religion ereignet sich im alltäglichen Leben, wenn Menschen über ihre Nöte, Ängste sprechen – ihre existentiellen Probleme ... oder über den Sinn des Lebens ...

    über Hoffnungen und Träume ... über Gerechtigkeit und Frieden.

     

    Religion – das Religiöse – ist ein weiter Raum.

    Religion findet mitten im Leben statt.

    In der Gegenwart – der Jetztzeit.

    Religion und Menschlichkeit gehören zusammen.

     

    Wo es menschlich – ehrlich – zugeht,

    dort können Menschen Vertrauen fassen.

     

    *****

    Was müssten christliche Kirchen tun, um wieder mehr Menschen zu erreichen?

    Vielleicht etwas mehr bei der Lebenswirklichkeit der Menschen sein?

     

    Amen

     

     

    Mit G rechnen

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