Über die Schwelle

Predigt gehalten am Ewigkeitssonntag 2013 in der Insel in Damp.

 

Psalm 121

Der Herr behütet dich

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen.

Woher kommt mir Hilfe?

Meine Hilfe kommt vom Herrn,

der Himmel und Erde gemacht hat.

Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen,

und der dich behütet, schläft nicht.

Siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.

Der Herr behütet dich;

der Herr ist dein Schatten über deiner rechten Hand,

daß dich des Tages die Sonne nicht steche

noch der Mond des Nachts.

Der Herr behüte dich vor allem Übel,

er behüte deine Seele.

Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang

von nun an bis in Ewigkeit!

 

 

Evangeliumslesung, Matthäus 25, 1-13

Von den klugen und törichten Jungfrauen

Dann wird das Himmelreich gleichen zehn Jungfrauen,

die ihre Lampen nahmen und gingen hinaus,

dem Bräutigam entgegen.

 

Aber fünf von ihnen waren töricht, und fünf waren klug.

Die törichten nahmen ihre Lampen, aber sie nahmen kein Öl mit.

Die klugen aber nahmen Öl mit in ihren Gefäßen,

samt ihren Lampen.

Als nun der Bräutigam lange ausblieb,

wurden sie alle schläfrig und schliefen ein.

Um Mitternacht aber erhob sich lautes Rufen:

Siehe, der Bräutigam kommt! Geht hinaus, ihm entgegen!

Da standen diese Jungfrauen alle auf

und machten ihre Lampen fertig.

Die törichten aber sprachen zu den klugen:

Gebt uns von eurem Öl, denn unsre Lampen verlöschen.

Da antworteten die klugen und sprachen:

Nein, sonst würde es für uns und euch nicht genug sein;

geht aber zum Kaufmann und kauft für euch selbst.

Und als sie hingingen zu kaufen, kam der Bräutigam;

und die bereit waren, gingen mit ihm hinein zur Hochzeit,

und die Tür wurde verschlossen.

 

Später kamen auch die andern Jungfrauen und sprachen:

Herr, Herr, tu uns auf!

Er antwortete aber und sprach: Wahrlich, ich sage euch:

Ich kenne euch nicht.

 

Darum wachet! Denn ihr wißt weder Tag noch Stunde.

 

 

 

 

 

Liebe Gemeinde,

 

Vers 8 von Psalm 121 lautet:

  • Der HERR behüte
  • deinen Ausgang und Eingang
  • von nun an bis in Ewigkeit
  • Diese Worte – etwas abgewandelt –

    werden bei der Aussegnung eines Menschen gesprochen:

     

    • Der allmächtige Gott bewahre
    • deinen Ausgang und deinen Eingang
    • von nun an bis in Ewigkeit.
  • Der Blick des Psalmisten ist auf das Ende des Lebens gerichtet – auf das Hinausgehen aus dieser Welt.
  •  

    Der Ausgang ist wichtig!

    Wie komme ich hinaus?

    Wo komme ich hin, wenn ich hinaus gehe?

     

    Ich sehe vor meinem geistigen Auge ein großes EXIT Schild.

     

    Nun im Leben gehen wir unzählige male hinein und hinaus

    Überschreiten Türschwellen ... zu den unterschiedlichsten Gebäuden ... private und öffentliche Gebäude ...

    Das Hindurchgehen durch Tür und Tor gehört zu unserem Leben, wie das Gehen an sich.

     

    Zumeist geschieht das Hindurchgehen wie selbstverständlich ... und ist zur Alltagshandlung geworden, über die wir nicht groß nach denken.

    Bei besonderen Gebäuden, in die wir nicht oft und nicht gerne gehen, ist es etwas besonderes – über das wir nachdenken.

     

    Die Eingangstür zu einem Krankenhaus ... einer Klinik

    zu einem Gerichtsgebäude ...

    zu einem Prüfungsort ...

    zu einem Pflegeheim ...

     

    Immer dann, wenn ungewiss ist, was in dem Gebäude mit uns geschieht ... was uns erwartet ... ist die Schwelle größer,

    hinein zu gehen.

     

    ****

    Im Judentum gibt es das Gebot (das Ritual),

    an Türschwellen von Haupteingängen von Häusern

    Mesusot anzubringen.

     

    Ich habe Ihnen eine Mesusa (Einzahl von Mesusot) mitgebracht.

     

    Ein längliches Gebilde ... aus Metall, oder Holz ... (diese Mesusa hier ist aus Silber) ... in ihr befindet sich eine kleine Textrolle mit zwei Bibeltexten aus dem 5. Buch Mose, die zusammengerollt hinein geschoben ist.

    (5. Buch Mose 6, 4-9 / 11,13-21)

    • Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein.
    • Und du sollst den HERRN, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.
    • Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen ....
    • und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.
  • Die Mesusot haben Schutz- und Mahnfunktion.

    Sie ermahnen zur Wachsamkeit ...und zur Achtsamkeit.

     

    Ein wertvolles jüdisches Ritual, das Gottesliebe und Nächstenliebe zusammen denkt ... und sensibel macht für das Leben schlechthin, das wertvoll ist.

    ****

     

    Seid wachsam ... seit bereit ...

    heißt es ja auch im Evangeliumstext.

    Denkt an Gott ... und an Gottes Gebote ...

    Denkt an das Kommen des Himmelreiches Gottes.

     

    Bereitet Euch vor, lebt nicht einfach in den Tag hinein ...

     

    ****

    Die „törichten Jungrauen“ hatten für ihre Lampen nicht genug Öl dabei. Sie hatten nicht daran gedacht. Sie sind einfach so losmarschiert, ohne damit zu rechnen, dass Vorbereitung von Nöten ist.

     

    Ohne ausreichendes Öl ist ein längerer Weg in der Dunkelheit über unwegsames Gelände schwierig, geradezu unmöglich.

    Das Öl – wofür steht das Öl im Gleichnis Jesu?

    Haben Sie eine Antwort?

     

     

    ****

    Mein Öl?

    Meine Vorbereitung für das Kommen Gottes in diese Welt?

     

    Achtsamkeit vor dem Leben schlechthin.

     

    Ich musste erst einmal mühsam lernen,

    mit mir selbst achtsam umzugehen.

    Doch je mehr Menschen ich begegnet bin,

    die mit mir menschlich umgegangen sind,

    die mich angenommen und nicht ausgegrenzt haben,

    desto mehr Selbstvertrauen habe ich gewonnen.

     

    Und auf meinem Weg zu mehr Selbstvertrauen hat mir

    mein Glaube an einen nahen Gott sehr geholfen.

     

    Nah – und nicht fern ist der Gott an den ich glaube.

     

    Eben ein unverwüstlicher Weggott, der alle meine Wege und Umwege mit macht, der mit mir ringt ... mit mir weint ... mit mir leidet ... und sich mit mir freut ...

     

    Diesen Wegbegleiter möchte ich nicht mehr missen,

    denn er hilft mir bei meinem Weg ins Ungewisse,

    bei meiner Lebensangst.

     

     

    Dankbar bin ich für das Geschenk,

    Gott in meinem Leben als Du denken zu können.

     

    Dabei fühle ich mich nicht als Bessermensch,

    als gottnäher, als herausgehoben, als auserwählt ...

    als richtig oder rechtgläubig ...

    weil ich studierte Gottrednerin bin.

     

    Denn Gott begegnet mir in jedwedem Lebewesen

    und will mir allewege zum Du werden.

    In mir ... im Mitmensch ... im Mitgeschöpf ... im Wind ...

     

    Ich wünschte mir nur, dass ganz viele Menschen immer achtsamer mit dem Leben an sich umgehen könnten.

     

    Dies mit viel Gefühl ... denn GLAUBE und GEFÜHLE gehören zusammen ...

    So ist für mich die Fähigkeit mitempfinden zu können,

    ein Weg mit Gott ...

    Mitempfinden ... mitleiden ... können ... sich einlassen können ... auch staunen können ... Wege mit Gott mitten im Leben.

     

    ****

    Das nimmt mir nicht die Angst vor dem Sterben.

    Doch der Gedanke, Gott leidet bei meinem Sterben mit mir ... weint mit mir ... ist einfach da, der hilft.

     

    ***

    GLAUBE und GEFÜHLE gehören zusammen.

    Um sich der eigenen Gefühle bewusst zu werden,

    ist es gut in sich hinein zu hören.

    Sich die Frage zu stellen:

    Was sagt mir meine innere Stimme.

     

    Die innere Stimme / das Gewissen / der innerste Seelenkern

    hilft auf das Wesentliche / das Wichtige im Leben zu achten.

     

    *****

    Aufrütteln sollen uns die Texte zu Ewigkeitssonntag.

    So dass wir über unser Leben nachdenken ...

    Nicht einfach so dahin leben,

    ohne nach links und rechts zu schauen,

    ohne in uns selbst hinein zu hören.

    Ohne auf unser Herz zu achten.

    *****

     

    Ein jüdisches Ritual, das aufrütteln soll, ist das Schofar-Blasen.

    Es ist ein durchdringender Weckruf.

     

    Das Schofarhorn (ein Widder- oder Antilopenhorn) wird sowohl zu Rosch HaSchanna (Neujahrsfest) als auch zu Jom Kippur (Versöhnungsfest) geblasen.

    Das Blasen soll wachrütteln und an das Wichtige im Leben erinnern: Mensch zu seinmenschlich zu sein.

     

    Geblasen werden 4 Tonreihen.

    Ein nicht unterbrochener lang anhaltender Ton.

    Der Mensch wird mit einem unzerstörbaren Seelenkern geboren.

    Er hat Zugang zu seiner inneren Stimme ... fühlt echt und unmittelbar.

     

    Die Tonreihe wird 2 mal unterbrochen (gebrochen),

    so dass 3 Töne geblasen werden.

    Der Mensch wird eingefügt ... muss sich anpassen ... entfernt sich durch das Eingefügt-Werden von seinem innersten Seelenkern.

    Er funktioniert, spielt Rollen, trägt Masken ... sucht Ansehen und Besitzstand.

     

    Die drei Töne werden noch einmal je 2 mal gebrochen, also werden 9 kurze Töne geblasen.

    Der Mensch erlebt Erschütterung – etwas, was seine Seele schreien und weinen lässt.

     

    Am Ende wird wieder ein langanhaltender Ton geblasen.

    Nach der Erschütterung kann der Mensch wieder vollständig / heil / ganz werden ... kann er wieder Zugang zu seinem innersten Seelenkern erlangen.

     

    *****

    Was brauchen wir, um wach zu werden?

     

    Wieder Zugang haben zum Innersten?

    Neu lernen echte Gefühle in uns wahr zu nehmen?

    Zeit für uns selbst?

    Maskeraden aufgeben?

    Was brauchen wir, um wach zu werden?

     

    Jesus sagte zu seinen Jüngern:

    „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder,

    werdet ihr nicht in das Reich Gottes kommen!“

     

    Und er sagte:

    „Selig sind die Einfältigen,

    denn ihrer ist das Himmelreich.“

     

    Wir brachen weniger – nicht mehr.

    Aber das wenige sollte unser Herz ansprechen.

     

    Amen

     

    Mit G rechnen

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