Weichkleiderträger

Predigt zum 3. Advent 2013 in der Hüttener Kirche

Im Evangeliumstext kommt das Motiv „weiche Kleider“ vor, im Predigtext, Offenbarung 3, 1-6 das Motiv „weiße Kleider“.

Also Kleider ... Verkleidung ... Verhüllung ...

Die Menschen zu Jesu Zeiten fragten sich, ob Jesus der Messias ist.

Viele spürten sein Besonders-Sein ... sein Messias-Sein.

 

 

 

Matthäus 11, 2-10

Als aber Johannes im Gefängnis von den Werken Christi hörte, sandte er seine Jünger

 

und ließ ihn fragen: Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten?

 

Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht:

Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf, und Armen wird das Evangelium gepredigt;

 

und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.

Als sie fortgingen, fing Jesus an, zu dem Volk von Johannes zu reden: Was seid ihr hinausgegangen in die Wüste zu sehen? Wolltet ihr ein Rohr sehen, das der Wind hin und her weht?

 

Oder was seid ihr hinausgegangen zu sehen? Wolltet ihr einen Menschen in weichen Kleidern sehen? Siehe, die weiche Kleider tragen, sind in den Häusern der Könige.

Oder was seid ihr hinausgegangen zu sehen? Wolltet ihr einen Propheten sehen? Ja, ich sage euch: er ist mehr als ein Prophet.

 

Dieser ist's, von dem geschrieben steht (Maleachi 3,1): »Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg vor dir bereiten soll.«

 

 

Liebe Gemeinde!

 

Wieder ein Predigttext aus der Offenbarung des Johannes.

Kapitel 3, die Verse 1-6.

(Letzten Sonntag waren es die Verse 7-13 aus diesem Kapitel)

Diesmal Worte an die Gemeinde in Sardes.

Kräftige Worte ... warnende Drohworte ... mit dem Ruf zur Umkehr! Tuet Buße!

 

  • Und dem Engel der Gemeinde in Sardes schreibe:
  • Das sagt, der die sieben Geister Gottes hat und die sieben Sterne: Ich kenne deine Werke: Du hast den Namen, daß du lebst, und bist tot.
  • Werde wach und stärke das andre, das sterben will, denn ich habe deine Werke nicht als vollkommen befunden vor meinem Gott.
  • So denke nun daran, wie du empfangen und gehört hast, und halte es fest und tue Buße! Wenn du aber nicht wachen wirst, werde ich kommen wie ein Dieb, und du wirst nicht wissen, zu welcher Stunde ich über dich kommen werde.
  • Aber du hast einige in Sardes, die ihre Kleider nicht besudelt haben; die werden mit mir einhergehen in weißen Kleidern, denn sie sind's wert.
  • Wer überwindet, der soll mit weißen Kleidern angetan werden, und ich werde seinen Namen nicht austilgen aus dem Buch des Lebens, und ich will seinen Namen bekennen vor meinem Vater und vor seinen Engeln.
  • Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!
  • Sowohl im Evangeliumstext (Matthäus) als auch im Offenbarungstext kommt das Motiv der Kleider vor.

     

    Das ist mir sofort aufgefallen.

    WEICHE KLEIDER – und – WEISSE KLEIDER

    • „Siehe, die weiche Kleider tragen,
    • sind in den Häusern der Könige.“
  • Die Weichkleiderträger bewegen sich am Königshof ...
  • gehören zur mächtigen und angesehenen Upperclass ... gehören zu denen, die reich sind und immer reicher werden ... die wissen, wie sie politisch agieren müssen, um weiterhin an der Macht zu bleiben – und dies trotz Besatzung der Römer.

     

    Johannes der Täufer – um den es ja im Evangeliumstext geht – gehört definitiv NICHT zu den Weichkleiderträgern.

     

    • Er aber, Johannes, hatte ein Gewand aus Kamelhaaren an und einen ledernen Gürtel um seine Lenden; seine Speise aber waren Heuschrecken und wilder Honig.
  • So wird er beschrieben. (Matthäus 3,4)
  •  

    WEICHE KLEIDUNG ist nicht grob ... ist keine Arbeits- oder Alltagskleidung ... WEICHE KLEIDUNG ist edel ... teuer ... vornehm ... ist NICHT von der Stange ... ist keine Massenware ... ist Luxus ... von Designerhand hergestellt ... gehört zum Lifestil ... und soll deutlich machen, dass ihr Träger OBEN angekommen ist ... zu den Geldigen mit Macht und Einfluss gehört.

     

    Weichkleiderträger gibt es zu allen Zeiten.

    Das ist so – denn es gibt nichts NEUES unter der Sonne.

     

    ****

    Kennen Sie das:

    Sie werden zu einem Vorgesetzten zitiert.

    Zum Oberboss ... der über Ihr berufliches Schicksal entscheiden kann. Sie fühlen sich ganz klein, wenn Sie sich auf den Weg in die obere Etage machen ... Ihre Knie zittern ... sie hoffen, dass Sie bestehen können ... dass Sie nicht gedemütigt werden ... dass Sie weiter beschäftigt werden ... dass Ihr Arbeitsvertrag (Zeitvertrag) verlängert wird ... Sie hoffen, dass der Oberboss Verständnis für Ihre Belange hat ... dass es nicht weniger Geld für noch mehr Arbeitsleistung gibt ...

    Sie denken an Erfahrungen, die Sie in solchen Gesprächen schon gemacht haben. Sie kennen das Angstgefühl ... und wissen, dass Sie nur eine Nummer sind ... dass Sie jederzeit ausgetauscht werden können ...

     

    „Wenn es Ihnen hier NICHT gefällt ...

    dann kündigen Sie doch“

    „Es warten Hunderte auf Ihren Job ...“

     

    Aber es muss ja nicht gleich so schlimm werden.

    Außerdem können Sie sich ein wenig „konditionieren“, „stärken“, indem Sie sich Ihren Vorgesetzten in Unterhosen vorstellen. Denn unter der WEICHEN – EDLEN –MANAGERKLEIDUNG sieht er genauso aus, wie jeder Mensch.

    *****

    Ich kenne solche Gesprächssituationen.

    Ich hatte etliche – und habe immer versucht,

    da vernünftig durch zu kommen.

     

    Doch an ein Vorgesetztengespräch

    muss ich besonders denken.

    Es war quasi eine Vorladung auf Grund meines Einsatzes in Ahrensburg. – Eine besondere Zeit – in der ich einiges riskiert habe.

    Und so war das Gespräch eben hart – es ging echt hart zur Sache – logisch.

    Und einer der Oberen sagte zu mir:

    „Frau Jensen, Sie sehen widerlich aus

    und Sie ekeln mich an!“

     

    Wie ich mich da gefühlt habe, dass werde ich nie vergessen.

     

    Dabei muss ich sagen: Damals – November 2010 – sah ich äußerlich noch nicht ganz so – wie soll ich sagen – nicht ganz so provokant wie heute aus.

    Es hat sich entwickelt ... meine Haare wurden immer kürzer ... ein Hundehalsband um den Hals kam hinzu ... und ich kaufe mir seit 2010 keine neuen Sachen mehr ...

     

    Für mich ist es Protest - Aufschrei

    gegen Gewalt an Kindern und Jugendlichen.

    Ein Protest gegen strukturelle Gewalt innerhalb unserer Gesellschaft.

    Es gibt so viele Gewaltüberlebende – die unendlich in ihrer Kindheit und Jugend gelitten haben – die keine Hilfe hatten und heute als Erwaschene kaum Hilfen erhalten.

     

    Gewalt an Kindern – KEIN RANDTHEMA unserer Gesellschaft!

     

    Deswegen sehe ich so aus.

     

    NICHT WEICH ... sondern so wie ich eben aussehe.

    So wie es für mich innerlich stimmig ist –

    wie es für mich dran ist.

     

    Okay, ich bin Aktivist. – Ich bin da politisch! Ich will wachrütteln ... aufmerksam machen.

    Da muss ich mit Gegenwind – mit Unverständnis – rechnen.

     

    Doch war Johannes der Täufer, war Jesus NICHT auch politisch??? Ging es da nicht auch um Gerechtigkeit und Frieden? Um mehr Menschlichkeit?

     

    *****

    Ob der Mensch, der mich so gekränkt hat, auch Johannes den Täufer so gekränkt hätte? Ihm gesagt hätte: „ Johannes der Täufer, Sie sehen widerlich aus, und Sie ekeln mich an!“

     

    Oder hätte der Mensch zu Jesus gesagt: „Jesus, Sie machen sich gemein mit Sündern und Säufern!“

    ****

    Indien.

    Riesige Fabrikhallen, in denen Tausende und Abertausende von Menschen (zumeist Frauen und Kinder) Bekleidung als Massenware produzieren müssen, das unter menschenunwürdigen Bedingungen.

    Kaum Licht und Luft ... kein Arbeitsschutz ... Staub in der Luft ... Akkord bis zum Umfallen ... und Mindestlohn (nicht genug zum Leben und zum sterben).

    Billig, billig, billig ... für den globalen Markt – für die Masse in den reicheren Industrieländern ... von no-name Produkten bis zum Markenprodukt ...

     

    Ein Menschenleben dort zählt nichts.

    ****

    Da fragt man sich schon,

    wie und wo Kleidung produziert wird?

    Faire Trade – auch dort?

     

    ****

    Immer mehr Menschen fragen sich,

    wie Massenware hergestellt wird.

    ****

     

    Weiche Kleidung – weiße Kleidung.

    Was ist „weiße Kleidung“?

    • Aber du hast einige in Sardes, die ihre Kleider nicht besudelt haben; die werden mit mir einhergehen in weißen Kleidern, denn sie sind's wert.
    • Wer überwindet, der soll mit weißen Kleidern angetan werden,
  • Nicht BESUDELTE Kleidung.

    Nicht SCHMUTZIGE Kleidung.

    Weiß als Farbe der Unschuld ... der Reinheit ...

    Weiß als Farbe der geheiligten Auserwählten.

     

    In der Offenbarung geht es ja um die Wenigen, die nicht in Versuchung fallen ... die Gott / und Gottes Geboten treu bleiben ... die dann einziehen dürfen in das neue Jerusalem.

     

    *****

    Was muss ich tun,

    um am Ende WEISSE KLEIDUNG zu bekommen?

     

    *****

    WEISS – SCHWARZ – ein Gegensatz.

    Dazwischen ist nix.

    Doch unser Leben spielt sich Dazwischen ab.

    Im Graubereich.

    Ich lebe im Graubereich ...

    versuche aber NICHT GRAU oder SCHWARZ zu leben, zu denken, zu handeln.

    Ein Versuch.

     

    Und mitten in diesem Graubereich treffe ich auf Gott.

    Er ist mitten drin – hält sich nicht vornehm zurück – wartet ab – er mischt sich ein.

    Gott ist neben der indischen Näherin, die aus der brennenden Fabrik nicht mehr fliehen kann ... Gott ist bei dem Jungen, der tagaus tagein gedemütigt und geschlagen wird ... neben dem Menschen, dem auf Grund von Krankheit gekündigt wurde ...  Gott ist Zeuge und Mitleidender ...

     

    ****

    Was sollen / was müssen wir tun?

    Die Adventszeit fordert zur Umkehr auf / zur Buße.

    Es ist eine Zeit voller Hoffnung und Sehnsucht.

     

    Vor 2000 Jahren fragten die Johannes-Jünger Jesus:

    • Bist du es, der da kommen soll,
    • oder sollen wir auf einen andern warten?
  • Dahinter steckt die Frage:
  • Jesus, bist Du echt?

    Bist Du der versprochene Messias ... der Gesalbte?

    Bist Du der Friedefürst, Gottvater, Ewigheld?

    Der Heiland und Erlöser?

     

    Wen / was haben die Menschen erwartet?

     

    Wen / was erwarten die Menschen heute im 21. Jahrhundert? Einen Macher ... einen Manager ... Überflieger ... Alleskönner ... einen Protestanten?

     

    Ich schaue nach Innen.

    Ich fühle Hoffnung und Sehnsucht ... aber auch viel Trauer.

    Die Sehnsucht treibt mich an ... und sie hält mich lebendig.

    Weil sie ein echtes Gefühl ist.

     

    Meine Sehnsucht hält in meinem Seelenhaus die Tür für Gott offen. Für seine Einwohnung in mir.

    Ohne Sehnsucht kein Glaube ...

     

    Und ich erwarte keinen hochherrschaftlichen königlichen Gott in weichen Kleidern. Ich erwarte den menschgewordenen Gott, der mir Kraft gibt, in dieser grau-schwarzen Welt zu leben ... der mir hilft, weiterhin lebendig – neugierig und wach zu bleiben.

     

    Ob ich am Ende meines Lebens ein WEISSES KLEID abbekomme? Keine Ahnung?

    Nur möchte ich Gottes Dasein im Leben spüren.

     

    Amen

     

    Mit G rechnen

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