Liebe mit Gott

Predigt für den 1. Sonntag nach Trinitatis, 22. Juni 2014, gehalten in der Kapelle in Loose. Der Predigttext ist das Gebot der Gottesliebe – 5. Buch Mose 6, 4-9 – nach den ersten beiden hebräischen Worten auch „Shema Israel“ genannt.

 

Gebotene Liebe?

 

Das erinnert mich an Luthers Erklärungen im Kleinen Katechismus zum 1. Gebot: „Wir sollen Gott über alle Dinge Fürchten, lieben und vertrauen.“ Furcht und Liebe gehören nicht zusammen, wie ja auch Gewalt und Liebe nicht zusammen gehören.

ABER Gottesliebe UND LIEBE AN SICH gehören zusammen.

Wer einen Menschen liebt, der ist auch ganz dicht bei Gott.

 

Denn Liebe ist ein tiefes Gefühl – Liebe ist unbegreiflich und geheimnisvoll.

 

ABER nur die Liebe, die den Geliebten als Du, als Subjekt, meint.

 

 

 

 

Liebe Gemeinde,

 

im Studium habe ich mich intensiv mit dem Judentum befasst. Das ist ja auch logisch, denn aus dem jüdischen Glauben ist der christliche Glaube entstanden. Ohne Judentum kein Christentum.

 

Der größte Teil der Bibel ist jüdisch ... ist die Hebräische Bibel ... von uns Christen überwiegend „Altes Testament“ genannt.

 

Jesus war Jude und lebte leidenschaftlich das Gebot der Gottesliebe (5. Mose 6, 5) und das Gebot der Nächstenliebe (3. Mose 19, 18).

Beides gehört zusammen.

Aus der Gottesliebe erwächst die Achtsamkeit gegen über dem Leben, gegenüber sich selbst und anderen Menschen. So sollte es zumindest sein.

Denn was wäre Gottesliebe ohne Liebe zum Leben, ohne Achtsamkeit ... ohne Mitgefühl und Menschlichkeit.

 

Der Predigttext aus dem 5. Buch Mose, Kapitel 6, die Verse 4-9:

 

  • Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein.
  • Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.
  • Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen
  • und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst.
  • Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein,
  • und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.
  •  

    Starke Worte mit .... mh .... viel DU SOLLST.

     

    Nun, wer Gott ohnehin liebt, der braucht keine Aufforderung zur Gottesliebe. – Die ist einfach da.

    Wer schon einmal einen jüdischen Gottesdienst besucht hat, wird auch gehört haben, mit wie viel Inbrunst / Hingabe das „Schema Israel“ vom Kantor gesungen wird.

     

    So stören die Worte DU SOLLST die jüdischen Gottesdienstbesucher nicht. Für sie ist es wie ein Glaubensbekenntnis. „Schema Israel“ gehört zu ihrer Identität ... zu ihrem Zuhause-Sein in ihrer Glaubensweise.

     

    ****

     

    LIEBE ist ein mächtiges und tiefes Gefühl. Liebe kann geradezu weh tun. .... irrsinnig wehtun .... LIEBE – LEIDENSCHAFT – BEGEHREN – SEHNSUCHT ... hat nichts mit dem Verstand zu tun, ist nicht erklärbar ... ist geheimnisvoll.

    LIEBE ... sucht die Ewigkeit ... sucht das über den Tod hinaus.

     

    In der Hebräischen Bibel gibt es eine Schrift, die „Lied der Lieder“ (Schir HaSchirim) heißt. Luther nennt diese Schrift „Das Hohelied Salomos“.

    „Das Hohelied Salomos“ besteht aus Liebesliedern, die anlässlich von Hochzeiten gesungen wurden. Sie sind im 4. Jahrhundert vor Christus zusammen gestellt worden. Eine SIE und ein ER sprechen im Wechsel – besingen die Schönheit / die Attraktivität des jeweils anderen ... das voller Gefühl ... voller EROTIK.

     

    Bevor ich daraus lese sei vorweg gesagt, dass ich diese Liebeslieder aus dem Hohenlied nicht als Porno betrachte. Gemeint ist die unendliche elementare Liebe – das Sehen nach dem DU – nach der Vereinigung mit dem Du – als Geliebten.

    Diese LIEBE ist nicht „schmutzig“ – sie hat nichts Gewalttätiges, Brutales, Verachtendes.

    Wo das vorkommt ist keine LIEBE da, sondern nur Macht, Ausnutzen, und Angst.

    LIEBE – die das DU meint – die in Augenhöhe stattfindet – selbstbestimmt gewollt ist – hat viel mit Gott zu tun.

     

    • Kapitel 4, 1-5 - ER besingt SIE
    • Siehe, meine Freundin, du bist schön! Siehe, schön bist du! Deine Augen sind wie Taubenaugen hinter deinem Schleier. Dein Haar ist wie eine Herde Ziegen, die herabsteigen vom Gebirge Gilead.
    • Deine Zähne sind wie eine Herde geschorener Schafe, die aus der Schwemme kommen; alle haben sie Zwillinge, und keines unter ihnen ist unfruchtbar.
    • Deine Lippen sind wie eine scharlachfarbene Schnur, und dein Mund ist lieblich.
    • Deine Schläfen sind hinter deinem Schleier wie eine Scheibe vom Granatapfel.
    • Dein Hals ist wie der Turm Davids, mit Brustwehr gebaut, an der tausend Schilde hangen, lauter Schilde der Starken.
    • Deine beiden Brüste sind wie junge Zwillinge von Gazellen, die unter den Lilien weiden.
    • Kapitel 2, 3-6 – SIE besingt IHN
    • Wie ein Apfelbaum unter den wilden Bäumen, so ist mein Freund unter den Jünglingen. Unter seinem Schatten zu sitzen begehre ich, und seine Frucht ist meinem Gaumen süß.
    • Er führt mich in den Weinkeller, und die Liebe ist sein Zeichen über mir.
    • Er erquickt mich mit Traubenkuchen und labt mich mit Äpfeln; denn ich bin krank vor Liebe.
    • Seine Linke liegt unter meinem Haupte, und seine Rechte herzt mich. -
    • Ich finde, da ist viel EROTIK dabei ... wird noch eindeutiger ...
    • 5, 4-5 – SIE besingt IHN
    • Mein Freund steckte seine Hand durchs Riegelloch, und mein Innerstes wallte ihm entgegen.
    • Da stand ich auf, daß ich meinem Freunde auftäte; meine Hände troffen von Myrrhe und meine Finger von fließender Myrrhe am Griff des Riegels.
  •  Das Irre ist, dass diese Schrift für jüdische Gläubige „hochheilig“ ist, so dass sie zu Pessach (zum Passafest) in der Synagoge gesungen wird.

     

    LIEBE und LEIDENSCHAFT pur – bis zum Verrücktwerden!

    Natürlich wird dieser Text auf die LIEBESBEZIEHUNG zwischen GOTT und MENSCH hin gedeutet.

     

    .... Gott, lieb haben

    von ganzem Herzen,

    von ganzer Seele

    und mit aller Kraft ....

    sich in Gott hineinlieben

     

    *******

    Liebe, die das Du meint.

    Das Du als Subjekt – nicht als Objekt.

     

    ****

    Nun muss ich doch noch einmal zurück kommen zum DU SOLLST aus dem Predigttext.

    ....du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben....

    ....du sollst (diese Worte) deinen Kindern einschärfen....

     

    Früher wurden den Kindern die 10 Gebote EINGESCHÄRFT.

    Dies dann auch noch mit den Erklärungen Luthers im Konfirmandenunterricht.

    Wehe, man hatte die Gebote nicht auswendig gelernt!

     

    Das erste Gebot

    Ich bin der Herr, dein Gott.

    Du sollst nicht andere Götter haben neben mir.

    Was ist das?

    Wir sollen Gott über alle Dinge

    Fürchten, lieben und vertrauen.

     

    Vertrauen und Furcht passen nicht zusammen,

    wie Liebe und Gewalt nicht zusammen passen.

    *****

    Was hat sich Luther dabei gedacht?

    Vielleicht hat er bei „fürchten“ an Erfurcht gedacht.

     

    *****

    Gott ist ein schwieriger Liebhaber.

    Das muss ich schon sagen.

    Denn er ist so schweigsam .... nicht greifbar ... nicht fassbar ... so geheimnisvoll mit dem Leben verwoben.

     

    ****

    Kindern / Jugendlichen schärfe ich nichts ein ... sage ihnen auch nicht, DU SOLLST GOTT FÜRCHTEN UND LIEBEN.

    Das käme mir nicht über die Lippen.

     

    Ich erzähle ihnen davon, wie mir Gott zum Du geworden ist. Und das in der schwersten Zeit meines Lebens. ....  Dass Gott mit mir geweint hat ... verzweifelt war ... dass ich mit ihm ringen konnte ... dass ich ihn auch beschimpfen und anklagen konnte – und er mich ausgehalten hat. Auch dass Gott bei mir war, als ich ihn nicht mehr spüren konnte ...

     

    ... in guten wie in bösen Tagen ... kann ich nicht auf Gott verzichten. Er ist mir so notwendig, wie die LUFT ZUM ATMEN.

     

    Gott hat mir das Leben gerettet ...

     

    Davon kann ich Zeugnis ablegen.

     

    Und für Gott bin ich Subjekt – bin ich angenommenes geliebtes Du.

     

    Das „Duderle“ – ein bekannter Text aus den Chassidischen Geschichten von Martin Buber ist für mich wie ein Liebeslied und ein Glaubensbekenntnis.

     

    Wo ich gehe – du!

    Wo ich stehe – du!

    Nur du, wieder du, immer du!

    Du, du, du!

    Ergeht´s mir gut – du !

    Wenn´s weh mir tut – du!

    Nur du, wieder du, immer du!

    Du, du, du!

    Himmel – du, Erde – du,

    Oben – du, unten du,

    Wohin ich mich wende, an jedem Ende

    Nur du, wieder du, immer du!

    Du, du, du!

     

    AMEN

     

     

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