Schwarze Pädagogik

18. Sonntag nach Trinitatis

Die zehn Gebote – 2. Mose 20, 1-17

Und Gott redete alle diese Worte:

Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.

.........

Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren,

auf daß du lange lebest in dem Lande,

das dir der HERR, dein Gott, geben wird.

......

Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was dein Nächster hat.

 

Evangeliumslesung, Markus 12, 28-34:

Die Frage nach dem höchsten Gebot

......

Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften« (5. Mose 6,4-5). Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3. Mose 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese.

 

 

Predigt zum Grundthema SCHWARZE PÄDAGOGIK

 

 

Liebe Gemeinde,

 

Kinder „sollen“ von ihren Eltern „erzogen“ werden.

Heutzutage gibt es massenhaft Literatur,

wie Erziehungsberechtigte ihre Kinder erziehen sollen,

was gut / empfehlenswert ist ... wie Kinder die einfachen Regeln des menschlichen Miteinanders lernen können.

 

Man könnte durch neuere Bücher und Artikel sogar den Eindruck gewinnen, dass wir einen eklatanten Erziehungsnotstand in unserem Land haben.

 

Zusätzlich ist auch in der Bildungspolitik strittig, welche Schulpolitik verfolgt werden soll, damit aus Kindern wertvolle Mitglieder unserer Gesellschaft werden, die mit den Anforderungen des Lebens / insbesondere des Arbeitslebens zurecht kommen.

 

Im Mittelpunkt steht bei Diskussionen:

Was Kinder noch vor ein paar Jahrzehnten an Lernpensum bewältigen mussten (Lernstoff / Lehrplan), ist zurückgegangen. Es wird so – nach diesen Stimmen – definitiv weniger G E L E R N T.

 

Zu viele Jugendliche / bzw. jungen Erwachsene, kämen mit den Anforderungen in der Berufsausbildung nicht zurecht .... könnten sich nicht einfügen ... ihnen fehlten soziale Kompetenz und Allgemeinbildung.

Dies die einhellige Meinung von vielen Ausbildern in Lehrbetrieben. Schon allein Lesen, Schreiben, Rechnen sei problematisch ... sei bei etlichen Schulabgängern mangelhaft.

 

Nun ja, bildungspolitisch wurde in den letzten 2 Jahrzehnten viel experimentiert. Da gab es die Rechtschreibreform ... da gab es neue Schulformen, wie die Gemeinschaftsschule ... seit einigen Jahren G8 oder G9 bei weiterführenden Schulen mit Gymnasialzweig.

 

*****

 

Man könnte den Eindruck gewinnen:

Früher war alles besser!

Das Lernen ... das Benehmen (der Respekt vor Autoritäten).

Ich würde sagen:

Früher waren viele Dinge anders – nicht besser!

Kinder / Jugendliche wachsen heute in einer anderen Zeit auf. Auf sie stürmen ganz andere Dinge ein. Fernsehen, Computer (social networks – facebook) ... Handy / iPod ... mP3 Player ... viel Vorgefertigtes …  technisches Spielzeug …. Vieles auf fantasieloses Konsumieren ausgerichtet. Und sie erleben Leistungsdruck ohne Ende – das beginnt heutzutage schon im Kindergarten.

 

Dann Drogen, Gewalt und Armut.

 

****

Wobei es bestimmt Drogen, Gewalt und Armut auch früher gab! Nur wurde das nicht so von der Öffentlichkeit wahrgenommen.

 

Wir brauchen nur ins vergangene Jahrhundert zu blicken, in die Zeit unserer Urgroßeltern oder Großeltern. Sie erlebten ihre Kindheit vor- während oder nach einem der beiden Weltkriege.

Sowohl zuhause, als auch in der Schule oder im Konfirmandenunterricht wurden die Kinder und Jugendlichen mit viel Gewalt erzogen. Züchtigungen waren an der Tagesordnung ... da galt, dass einem jungen Menschen erst einmal mehrfach das Rückgrat gebrochen werden muss, damit er zum Menschen wird.

 

Schwarze Pädagogik in Reinkultur – diese übernommen noch aus dem Viktorianischen Zeitalter mit preußischen Tugenden gepaart – natürlich auch mit dem Rollenverständnis aus dieser Zeit. Da konnten junge Frauen nur mit Mühe qualifizierte Berufe erlernen.

Ihnen blieb: Kinder – Küche – Kirche.

Ein furchtbarer Muff!

 

****

Die 68 Generation, die aufbegehrte gegen diesen Muff unter den Talaren ... die neue Konzepte entwickelt hat, wie Antiautoritäre Erziehung / Reformpädagogik ... hatte auch ihre Probleme / bzw. Schattenseiten.

Ich gehöre nicht zur 68-Generation, denn da war ich noch Kind. (Jahrgang 63/ 50 Jahre alt). In den Genuss von Antiautoritärer Erziehung bin ich nicht gekommen. Die meiste Schulzeit habe ich in Bayern erlebt. Von der 5. bis zur 10. Klasse bin ich auf ein Nürnberger Gymnasium gegangen. Dort bin ich 2 x sitzen geblieben.

 

Als hochtraumatisierter Mensch durch jahrelange häusliche Gewalt war ich eine extrem auffällige Schülerin. Meine Notsignale, die ich nach außen hin gezeigt habe, wurden geflissentlich übersehen, denn mein Elternhaus war ja „gutbürgerlich“. So „kämpfte“ ich mich Jahr um Jahr durch die Schulzeit ... wurde dabei zur Alkoholikerin ... und habe die Erwachsenen immer mehr verachtet.

 

 „Zeigt mir Euer wahres Gesicht! Nehmt Eure Masken ab! Und traut Euch, mir direkt in die Augen zu schauen!

Was seht Ihr? Was merkt Ihr?“

 

Ich erinnere mich an das Gefühl von blankem Hass, erinnere mich sogar an die Schulstunde, in der dieser blanke Hass geboren wurde. Ich war mit einem sehr schlechten Zeugnis sitzen geblieben. Am ersten Schultag in der neuen Klasse hat mein Klassenlehrer, ein ältlicher Oberstudienrat, mein Sitzenbleiber-Zeugnis in die Hand genommen und hat meine Noten heraus geschrieen: Deutsch 5, Mathe 6, Physik 6, Englisch 5. Dazu kam, dass ich von ihm jedes Mal, wenn ich aufgerufen wurde, mit dem Titel „Repitentin“ und Nachnamen bedacht wurde. Alle anderen hatten einen Vornamen. Mein Vater rührte das nicht. Er sagte bloß, dass Wiederholer „Hockerbleiber Scheißauftreiber“ sind und dass ich mal als Klofrau ende werde. Vaterhass – Lehrerhass in einem.

 

Du sollst Vater und Mutter ehren?

Du sollst an Gott glauben?

An Gerechtigkeit? An Menschlichkeit?

An Nächstenliebe und so ....

 

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Es hat lange gedauert, bis ich in mir Selbstwertgefühl / Selbstachtung / Selbstbewusstsein aufbauen konnte. Es hat lange gedauert, bis ich den Zusammenhang von Nächstenliebe und Selbstliebe verstanden habe. Kein Wunder, denn ich habe kein Urvertrauen in der Kindheit entwickeln können.

 

Heute ist mir klar, dass es einen Kreislauf von Gewaltopfern und Gewalttätern gibt; dass Menschen, die viel Gewalt in unterschiedlichster Weise erlebt haben, diese Gewalt entweder gegen sich selbst oder gegen andere richten.

Gewaltfrei MUSS Erziehung sein!

 

Das seht für mich fest.

 

****

Am 26. Oktober bin ich bei einer Veranstaltung des Kirchenkreises für Mitarbeiter in Kinder- und Jugendarbeit mit dem Thema: „So richtig verfahren! Der Navigationsweg zum Thema Kindeswohl“. Gruppe 7 soll ich moderieren: „Signale wahrnehmen“ – Umgang mit Gewaltopfern in den gemeindlichen Kinder- und Jugendgruppen.

Ich bin auf die Veranstaltung gespannt.

 

Es geht um Sensibilisierung für Kindeswohlgefährdung.

Und um das Implantieren von Verfahrensabläufen.

Wie man als Verantwortlicher richtig reagiert, wenn eben „etwas bei einem Kind auffällig ist“.

 

Das schreibt der Gesetzgeber vor!

Und das ist gut so.

 

*****

Kurz noch zu Bildung und Erziehung.

Ich hatte zwei Konfirmandengruppen.

In der einen waren Gymnasiasten und Realschüler und in der anderen nur Hauptschüler.

Das Sozialverhalten / das gemeinsame Arbeiten in Gruppen war in der Hauptschülergruppe mit Abstand besser ausgeprägt als in der anderen Gruppe.

Dazu war die Hauptschülergruppe derart aufmerksam und engagiert .... dass es eine reine Freude war, sie zu unterrichten.

 

Vorurteile ... Standesdenken ...

Ich habe mir auf Grund meiner Schulkarriere nie etwas eingebildet, dass ich Abitur machen konnte und studiert habe. (Das nur, weil wir von Bayern nach Hamburg umgezogen sind). Und weil ich den Spruch am Eingang meines Nürnberger Gymnasiums zu Herzen genommen habe: Non scole sed vitae discimus.

 

*****

Gebote – Verbote – Regeln – menschliches Miteinander ... Kinder und Jugendliche lernen aus ihrer Umwelt. Sie beobachten ... sie stellen in Frage .... sie spüren, wenn Gebote – Verbote aufgestellt werden, die für die Erwachsenen nicht gelten.

 

Mein Vater, der sich einen Dreck darum geschert hat, wie es mir geht, der nie nach meinen Gefühlen gefragt hat, hat oft tönend einen Sinnspruch vom besten gegeben:

„Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr“.

 

Ich glaube, Erwachsene könnten von Kindern viel lernen.

Kinder, die Kinder sein dürfen, können vorbehaltlos vertrauen ... können staunen und staunend die Zeit vergessen ... können sich im Augenblick verlieren... träumen ... wünschen ... Kinder sind noch ganz nah an ihrem Seelenkern dran.

 

Hans könnte sehr viel von Hänschen lernen!

Die Bildungspolitiker könnten viel von Kindern und Jugendlichen lernen – viel erfahren aus ihrer Lebenswirklichkeit.

Sie müssten ihnen nur zuhören.

 

Bei allem „Unterrichten“ von Konfirmanden bin ich nie leer ausgegangen. Die Jugendlichen haben mich immer bereichert ...

 

Amen

 

Mit G rechnen

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