Selbstachtung

 

Lukasevangelium 19, 1-10

 

 

Und er ging nach Jericho hinein und zog hindurch.

Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich.

Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt.

Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen.

Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muß heute in deinem Haus einkehren.

Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden.

Als sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt.

 

Zachäus aber trat vor den Herrn und sprach: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.

 

Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist Abrahams Sohn.

 

Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

 

 

 

 

 

Liebe Gemeinde!

 

Ausgegrenzt werden – wie das sich anfühlt – nie nicht dazu zu gehören zur Gemeinschaft – wie Dreck behandelt zu werden – und dann am Ende sich selbst wie Dreck zu empfinden – wie den letzten Menschen – Abschaum – keine Selbstachtung mehr im Leib ...

 

Zurück schlagen

Wie IHR mir, so ich EUCH

Bezahlen sollt IHR

 

Gemeinschaft – feine Gesellschaft – nie nicht habt IHR mir eine Chance gegeben – nie nicht habe ich eine Chance gehabt – verachtet – unrein

 

Ausgrenzung ist Gewalt – sie erzeugt wieder Gewalt

 

Die Menschenwürde ist unantastbar – einen anderen Menschen wie einen Menschen behandeln – daraus erwächst Achtung – die Achtung vor dem anderen und die Selbstachtung

 

Es gibt den Täter-Opfer-Kreislauf

Opfer können leicht wieder Opfer werden

Beispiel: Mobbing in der Schule – ein Schüler, der grob gemobbt wird, erfährt, dass er in anderen Zusammenhängen wieder gemobbt wird. Wenn Schüler die Klasse / die Schule wechseln ... und das Mobbing-Szenario fängt von vorne an.

Mobbing im Berufsleben ... wie viele Menschen müssen das erleben? Und jeder kann Mobbingopfer werden, das muss man sich klar machen. Wie ja auch jeder Gewaltopfer werden kann.

 

Es gibt den Täter-Opfer-Kreislauf

Opfer können zu Tätern werden

Das geschieht oft bewusst aber auch unbewusst

Bekannt das Fahrradfahr-Prinzip – nach oben buckeln, nach unten treten. Vom Chef grob unmenschlich behandelt werden und dann die Demütigungen / Kränkungen an Schwächeren ausagieren. 

An Untergebenen ... an der Frau und den Kindern ...

 

Opfer können zu Tätern an sich selbst werden

Dies durch selbstschädigendes Verhalten – durch Drogenkonsum (Alkohol / Medikamente) – durch inneren Zorn, der einfach heruntergeschluckt wird, und einen langsam von Innen heraus auffrisst.

 

Wir haben als Predigttext die Zachäusgeschichte aus dem Lukasevangelium gehört. Zachäus ist ein Ausgegrenzter, einer der nicht dazu gehört – ein Unreiner – ein Sünder.

 

Genau heißt es, er war „ein Oberer der Zöllner und er war reich.“ Das Land war von den Römern besetzt. Es gab einen Stadthalter in Rom, und eine Besatzungstruppe.

Die Oberschicht des jüdischen Volkes (Königsfamilie / Hohepriesterkaste) hatte sich mit den Römern arrangiert. Da galt das Prinzip: manus manum lavat – eine Hand wäscht die andere – Ihr Römer lasst uns weiterhin als Oberste des Landes eingesetzt und Wir pressen das Volk für Euch aus – und machen Halbe / Halbe.

Die Reichen wurden immer reicher ... die Bevölkerung verarmte – viele gingen in die Schuldknechtschaft.

 

Was bedeutete es, da hinein geboren worden zu sein?

 

Zachäus – von ihm erfahren wir nur, dass er Oberer der Zöllner war – damit am Geldhahn saß. Klar, dass er mit der Zeit immer reicher wurde.

An den Stadttoren wurde von den Händlern Zoll verlangt. Die unteren Zöllner – quasi die Untergebenen / die Handlanger von Zachäus – saßen an den Toren, durchsuchten die Waren, hielten die Hand auf.

 

Da kam schon was zusammen. Und die Zöllner haben natürlich darauf geachtet, dass etwas für sie vom Kuchen abfiel.

 

Wer war bereit als Zöllner zu arbeiten?

 

Wer gab sich für so etwas her?

Büttel der Oberschicht, die mit den Römern gemeinsame Sache machten, WER TUT SO WAS?

 

Den muss man doch verachten!

Der gehört eigentlich nicht zum Volk dazu!

Komisch, die Hohenpriester wurden nicht verachtet ... die Ältesten und Schriftgelehrten aus feinem Hause auch nicht? Komisch, der Zöllner wurde verachtet.

 

Das nenne ich strukturelle Gewalt – ein System von oben und unten – in dem Korruption / Bereicherung / Willkür an der Tagesordnung war. Ein System, in dem die in Armut Gefallenen keine Chance hatten.

Die Oberen machten Politik mit den Römern ...

 

Zachäus möchte ich mir vorstellen, als einen Menschen, der unter der Ausgrenzung und Verachtung der Menschen gelitten hat. Ja, immer mehr gelitten hat – denn er wurde von Jahr zu Jahr immer nachdenklicher.

 

Was hat es für einen Sinn, immer mehr Reichtum anzusammeln und doch verachtet zu sein. Denn er machte ja die Drecksarbeit. Er war der Bösewicht – der Herzlose – der Gelderpresser.

Da nützte es ihm auch auf Dauer nichts mehr, sich zu sagen: pecunia non olet – Geld stinkt nicht.

Sein Geld, das er für sich einbehielt stank eben doch – genauer, es brannte ihm in seinem Geldsäckel, denn es war ausgepresstes Blut-und-Tränen-Geld.

 

Sünder sein – Südenbock sein – aus dem korrupten System aussteigen – aber wie?

 

Das trieb ihn um.

Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre ....

 

Von ihm hatte er schon etliches gehört. Menschen, die diesem Wanderrabbi begegnet sind, erzählten in einer derartigen Begeisterung von ihm, dass sein Interesse geweckt war.

Andere, vornehme Schriftgelehrten und Priester schimpften maßlos über ihn, dass er ein Verbrecher – ein Scharlatan – ein Gotteslästerer oder Revolutionär sei.

Das nahm Zachäus war.

 

Ganz und gar neugierig wurde Zachäus, als die Kunde zu ihm drang, Jesus würde nach Jericho kommen.

 

Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt.

Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen.

 

Sehnsucht nach Frieden

Sehnsucht nach Angenommensein ...

nach Gemeinschaft ...

Sehnsucht nach lachenden fröhlichen Menschen

Die hatte Zachäus schon lange in sich getragen.

 

Denn immer schwerer wurde ihm die Last, den Ärmsten der Armen das wenige Geld aus der Tasche zu ziehen.

 

Wer war er – dieser Jesus?

 

Doch nur einer der vielen falschen Profeten?

Ein Hochstapler? Ein Guru? Ein Möchtegernmessias, der sich als Superstar feiern ließ und viel versprach?

 

Es herausfinden, dazu brauchte es Mut. Und den Mut hatte Zachäus. Es war der Mut eines Leidenden / eines sehnsüchtig Hoffenden und Suchenden. Der vor allem selbst inneren Frieden finden wollte.

Ja, Selbstachtung wiedergewinnen wollen. Die anderen, die meisten, die Masse würde ihn nie mehr annehmen und achten. Das wusste er.

 

Einmal Ausgegrenzter – immer Ausgegrenzter ... Einer, auf den man mit Fingern zeigt. Selbst wenn er von Stund an seine Aufgabe als Oberer der Zöllner aufgeben hätte.

 

Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muß heute in deinem Haus einkehren.

Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden.

 

Wiedererwartend – völlig überraschend – unglaublich

Für Zachäus schlichtweg eine große Freude!

 

Wer ist da zu ihm gekommen?

Ein charismatischer Führer, der Zachäus für eine Sensation gebraucht hat? Der Empörung und gleichzeitig Begeisterung auslösen wollte? Einer, der wusste, wie man mit Menschenmengen umgeht?

 

Jesus möchte ich mir in dieser Geschichte als Mensch vorstellen. Ein Mensch, der einen anderen Menschen sieht! – Der wahrnimmt, was bei Zachäus innerlich los ist. Wie es in ihm brennt.

 

Sie kennen das alle, wenn ein Megastar / ein Berühmter und Gefeierter / ein Mr. Wichtig sich herablässt – sich in die Niederungen begibt – mit dem einfachen Volk auf Du und Du stellt ... läutselig ... manipulativ ... und auf Wirkung bedacht. Das ist alles Show ... gespielt ... Publicity ...

 

Pastor Uwe Schmidt schreibt in seinem Buch „Widerstand gegen die Zumutungen des Glaubens“ zur Aufhebung der Vereinzelung (154):

„Ich glaube, jeder Mensch kennt die Erfahrung einer sich plötzlich ereignenden Übereinstimmung mit einem Gesprächspartner.

Die Thematik eines solchen Gesprächs ist dabei ziemlich unerheblich. Es muss nur etwas sein, das mich wirklich angeht. „Smalltalk“ vermag das selbstverständlich nicht.

Und natürlich muss ich ganz präsent sein, mein Gegenüber völlig im Blick haben, eine gemeinsame Sprache finden, die uns beide wirklich berührt.

Selten sind solche Momente, aber sie ereignen sich immer wieder in der Weise, dass an einem bestimmten Punkt im Gespräch es mir über den Rücken geht, ein Schauer von Ergriffenheit durch überwätligende Übereinstimmung, nicht nur des Gesagten, sondern auch des Gemeinten und Gefühlten uns plötzlich ergreift.“

 

So etwas ist zwischen Jesus und Zachäus ganz menschlich – und damit auch ganz verheißungsvoll und erfüllend geschehen.

Eine echte Begegnung zwischen einen Du und einem anderen Du – und hinter allem steht das ewige Du.

 

Aus dieser Begegnung heraus gewann Zachäus Selbstachtung und auch Achtung vor anderen Menschen.

Amen

 

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