Weltbildapparat

Evangeliumslesung Johannes 9, 1-7:

 

Die Heilung eines Blindgeborenen

Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen,

der blind geboren war.

Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist?

 

Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.

 

Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; [b] es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.

Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.

 

Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden.

 

Und er sprach zu ihm: Geh zum Teich Siloah - das heißt übersetzt: gesandt - und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.

 

 

 

 

Liebe Gemeinde,

 

SEHEN

HÖREN
TASTEN
SCHMECKEN
RIECHEN

 

sind die 5 Sinne mit denen wir ausgestattet sind,

um uns in der Welt zurecht zu finden.

 

Für die Sinneswahrnehmungen sind Sinnesorgane zuständig und das Zentrale Nervensystem.

Im Gehirn werden wahrgenommenen Reize verarbeitet.

Das Ganze zusammen genommen ist ein komplexer Wahrnehmungs- und Informationsmechanismus mit dem wir erkennen können, was für uns wichtig ist.

Aus dem Wahrgenommenen, Verarbeiteten, ergibt sich unser Weltbild-Ausschnitt.

 

Andere Lebensformen auf dieser Welt sehen, hören, tasten, schmecken, riechen anders, als wir Menschen.

Die Fledermaus, die Nachts unterwegs ist um Insekten als Nahrung zu finden, hat einen hoch komplizierten Hörapparat mit dem sie Ultraschallwellen aussendet und sich so orientiert – sich so ein Hörbild von ihrer Umwelt verschafft.

 

Bienen ... Frösche ... Zecken ... Elefanten ... Adler sind, was ihre Weltbild-Apparate anbelangt, anders ausgestattet, als wir Menschen.

 

Unsere Sinnesorgane sind im Vergleich zu anderen Lebewesen oft schlechter, eingeschränkter ausgebildet. Doch wir können es wett machen, in dem unser Denkapparat – unser Gehirn – evolutionsmäßig hoch entwickelt ist, Informationen verknüpfen und speichern kann.

 

Mit unseren hoch entwickelten Fähigkeiten im Denken und Erkennen, können wir unsere Umwelt gestalten, können forschen, weiter entwickeln .... dies in allen Bereichen des Lebens, auch was den kulturellen Bereich anbelangt.

 

Unserem Wissensdurst, unserem Forschergeist,

unserem Expansionswillen, sind keine Grenzen gesetzt.

Was noch vor 100 Jahren unmöglich erschien, gehört heute zum alltäglichen Leben, zum Wissensstandart.

 

Gestalten, forschen, entdecken,

entwickeln, erobern, ausbeuten

BIS ANS ENDE DER WELT, ....

 

.... das ist wohl der Weg des Menschengeschlechts.

 

In Goethes Faust provoziert

Mephistopheles Gott, indem er über den Menschen sagt:

  • „Der kleine Gott der Welt
  • bleibt stets von gleichem Schlag,
  • Und ist so wunderlich als wie am ersten Tag.
  • Ein wenig besser würd er leben,
  • Hättest Du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben,
  • Er nennts Vernunft und braucht´s allein,
  • Nur tierischer als jedes Tier zu sein.“
  • „Der kleine Gott der Welt“ ... das ist der Mensch – der mit all seinem Verstand ... sich oft tierischer als jedes Tier gebärdet.

     

    Das haben wir immer wieder in der Geschichte erlebt, wie grausam, berechnend, machthungrig Menschen sein können.

     

    Menschen sind im Negativem – in der Unmenschlichkeit – in der Perversion und damit auch in der Zerstörungswirkung Spitzenreiter auf dieser Welt.

     

    Gehen wir nur ins vergangene Jahrhundert zurück und schauen uns an, was sich in Deutschland – im Kernland des christlichen Abendlands – im Luther-Land – im Goethe-Land – im Wagner-Land – während der Nazi-Zeit abgespielt hat.

     

    Ein Genozid – in einer Brutalität und Globalität,

    wie es die Welt vorher nicht gekannt hat.

     

    Herrenmenschen-Rassenwahn.

     

    Für die Nazi-Ideologen gab es „Herrenmenschen“ – „Untermenschen“ – „unwertes Leben“ ...

     

    Behinderte Menschen wurden mitten in Deutschland umgebracht. Man nannte das Euthanasie.

    Hitler erklärte bereits 1929 auf dem Reichsparteitag in Nürnberg, dass die „Beseitigung von 700.000 bis 800.000 der Schwächsten von einer Million Neugeborenen jährlich, eine Kräftesteigerung der Nation bedeute und keinesfalls eine Schwächung“ So tickte Hitler – und kam an die Macht.

    Durch die Aktion T4 wurden in Deutschland über 70 000 behinderte Kinder umgebracht. (keine jüdischen Kinder diese 70 000)

     

    Tierischer als jedes Tier .... der kleine Gott, Hitler,

    dem Millionen gefolgt sind.

     

    Hitler und seine Schergen konnten sehen, hören, tasten, schmecken, riechen – nur sie hatten „kein Herz“ / keine Menschlichkeit.

    Ihr Denken war vergiftet ... ihr Versand war pervertiert.

     

    Wie hochentwickelt ... wie hochstehend eine Gesellschaft ist, zeigt sich daran, wie mit Schwächeren umgegangen wird. So sehe ich das.

    Humanität – soziale Gerechtigkeit – Toleranz – Achtung der Menschenwürde – das gehört einfach zu einem Kulturland, egal welche Religion vorherrscht.

     

    ******

    Wer mit einer Behinderung leben muss, der ist auf Solidarität, Toleranz – auf Menschlichkeit angewiesen.

    Mit Behinderungen (Handicaps) können alle Menschen von heute auf morgen konfrontiert werden.

    Ein Pflegefall werden ... arbeitsunfähig werden ... aus dem Raster heraus fallen ... angewiesen sein auf Hilfe ...

     

    *****

    In dem Bibeltext geht es um einen Menschen, der von Geburt an blind ist. Seine Eltern lassen ihn betteln gehen.

    So sitzt er Tag für Tag und wartet,

    das ihm Menschen Almosen geben.

    Almosen geben ist eine religiöse Pflicht.

    So öffnet sich ab und an ein Hand, die gibt.

     

    Ansonsten ist der Blinde ein Ausgestoßener, ein Unreiner.

    Einer, der nicht zur Gesellschaft dazu gehört.

    Einer, den seine Familieangehörigen am liebsten verstecken.

     

    Weil er ja blind ist – mit Blindheit von Gott bestraft wurde ...

    Weil ja Gott nicht grundlos bestraft ...

     

    Was für eine furchtbare einfache Denkungsart.

     „Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern,

    dass er blind geboren ist?“

     

    Die Frage zeigt, wie die Menschen dachten.

     

    ******

    Jesus antwortet:

    „Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, ....

    sondern es sollen die Werke Gottes

    offenbar werden an ihm.“

     

    Jesus durchbricht in diesem Einzelfall das religiöse Denken:

    Blind-behindert – ist gleich – Sünder 

    „sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.“

     

    Ist dieser eine Mensch deswegen blind geboren worden,

    damit Jesus mit seinen Jüngern an ihm vorbei kommt

    und  coram publico demonstriert ,

    dass er Wunder vollbringen kann ... heilen kann?

    Dass er mächtig ist?

    Dass Gott mit ihm ist?

     

    Wie furchtbar schwer ist das zu denken:

    Gottes Wille war es, dass er blind geboren wurde.

    Gottes Wille war es, dass er durch Jesus geheilt wurde.

    WAS FÜR EIN GOTT IST DAS?

     

    Gottes Wille – und das Leid von Menschen

    Mal will Gott Leid – mal nicht?

    Mal will Gott Heilung – mal nicht?

     

    WARUM wird ein Mensch mit Behinderungen geboren?

    WARUM muss der Behinderte Ausgrenzung erfahren?

     

    WARUM wird auf ihn mit Fingern gezeigt?

     

    In der Johannes-Blindenheilungsgeschichte erlebt der Betroffene vor und nach seiner Heilung Ausgrenzung.

     

    Denn nach seiner Heilung wird der gerade sehend gewordene Mensch – so der Fortlauf des 9. Kapitels von Rechtgläubigen hin und her gezerrt und befragt.

    „Du warst doch gar nicht blind!

    Wir befragen deine Eltern ... wir prüfen das nach!“

    Die Eltern werden von den Rechtgläubigen vorgeladen und befragt. „Dann war er also doch blind – aber wie kann das angehen, dass er nun sehen kann! Das geht nicht mit rechten Dingen zu!“

     

    Der gerade sehend gewordene Mensch wird weiter befragt und bedrängt ... und am Ende beschimpft und ausgestoßen.

     

    WARUM muss dieser Mensch das erleiden?

     

    Damit er sich zu Jesus bekennt?

    Damit er sagt: Ja, ich glaube an Dich, Du bist der Menschensohn!   ????

     

    Die Menschen zur Zeit Jesu hatten ihren Denkhorizont.

    Unser Horizont ist definitiv ein anderer!

    Die Demarkationslinie sind die Menschenrechte.

     

    ******

    Was sehen wir?

    Was spüren wir?

    Wie viel Mitempfinden haben wir?

    Wie menschlich sind wir als Mensch?

    Wie gehen wir mit Menschen um, die nicht ins Bild passen, aus welchem Grund auch immer.

    Wie gehen wir mit Tier- und Pflanzenwelt um?

     

     

    Wie viel Zwang über wir aus, damit unser Weltbild passt?

    ****

     

    Die 5 Sinne:

    SEHEN

    HÖREN

    TASTEN
    SCHMECKEN
    RIECHEN

    gehören zum Leben.

     

    Doch es gehört noch viel mehr dazu.

    Mitempfinden ... Menschlichkeit.

    Wo ist das angesiedelt im Körper,

    das Organ für Menschlichkeit?

     

    Und ist das Organ für Menschlichkeit

    auch das Organ für den Glauben?

     

    Für mich ja.

    Denn Menschlichkeit und Glauben gehören zusammen.

     

    Ich wünsche mir, das meine Sinne und mein VERSTAND offen sind für wunderbare Augenblicke,

    die meinen Glauben an das Leben stärken.

     

     

    Amen

     

     

    Mit G rechnen

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