Paulus atemlos

1. Korinther 9, 24-27

Wißt ihr nicht, daß die, die in der Kampfbahn laufen, die laufen alle, aber einer empfängt den  Siegespreis? Lauft so, daß ihr ihn erlangt. Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge; jene nun, damit sie einen vergänglichen Kranz empfangen, wir aber einen unvergänglichen. Ich aber laufe nicht wie aufs Ungewisse; ich kämpfe mit der Faust, nicht wie einer, der in die Luft schlägt, sondern ich bezwinge meinen Leib und zähme ihn, damit ich nicht andern predige und selbst verwerflich werde.

 

 

Liebe Gemeinde,

 

Paulus ist hart im Nehmen.

Er mutet sich unglaubliche Strapazen zu ...

rennt von einer Stadt zur nächsten ...

gründet Land auf Land ab Gemeinden ...

 

Damit der Glaube an Jesus Christus

soweit als möglich Verbreitung findet.

 

***

Dazu sei angemerkt:

Im 1. Jahrhundert nach Christus gab es noch keine Autos, Flugzeuge, Eisenbahnen.

Es gab auch keine Schreibmaschinen, kein Buchdruck, keine Tageszeitung.

Es gab kein Telefon, Handy, Computer;

auch keine Fernsehgeräte ...

Und trotzdem hatte Paulus Erfolg – hat er viel erreicht.

 

Trotz Verfolgung der Christen durch die Römer,

trotz erheblichen Konflikten mit jüdischen Gemeinden

und auch innerchristlichen Konflikten,

hat Paulus die Mittelmeerregion bereist und Heidenmission betrieben.

 

****

Was er einsetzt,

was er auf sich nimmt, mutet unmenschlich an.

 

****

Hindernisse, die ihm im Weg stehen, räumt er aus dem Weg.

Dabei verhält er sich äußerst intelligent.

 

Denn er weiß, was er will,

kennt seine Adressaten.

(1. Korinther 9, 20-21)

  • Den Juden bin ich wie ein Jude geworden, damit ich die Juden gewinne. Denen, die unter dem Gesetz sind, bin ich wie einer unter dem Gesetz geworden - obwohl ich selbst nicht unter dem Gesetz bin -, damit ich die, die unter dem Gesetz sind, gewinne.
  • Denen, die ohne Gesetz sind, bin ich wie einer ohne Gesetz geworden - obwohl ich doch nicht ohne Gesetz bin vor Gott, sondern bin in dem Gesetz Christi -, damit ich die, die ohne Gesetz sind, gewinne.
  • Das zeugt von Kompromissbereitschaft, Flexibilität und Fingerspitzengefühl.
  •  

    Ja, wer in der Fremde überzeugen will ... Menschen „einfangen will“, der muss Kreativität beweisen.

     

    Und da hat Paulus echt Weitsicht bewiesen.

    Denn er hatte in seiner Geburtsstadt „Multi-Kulti“ kennen gelernt. Dort lebten Menschen, die den unterschiedlichsten Religionen oder philosophischen Richtungen angehörten.

     

    Evangelium für alle als „sympathisches Angebot“ –

    alles auf Erfolg ausgerichtet.

     

    ****

     

    Hindernisse, die ihm im Weg stehen, räumt er aus dem Weg.

    Dabei verhält er vielfach wenig kompromissbereit, dickköpfig und aggressiv.

     

    Manchmal auch beleidigt.

    Wie könnt ihr nur von dem abweichen, was ich euch gepredigt habe! Wie könnt ihr auf andere dahergelaufene Prediger hören!

     

    Ich bin Euer Gründervater und habe Euch klar gesagt, was Evangelium ist, was ihr denken und glauben sollt!

    Ich habe mir so viel Mühe mit Euch gegeben,

    Herrgott noch mal!

    Paulus wacht, droht und schimpft.

     

    ****

    Die zwei Seiten des Paulus.

    Eine gewinnende Seite

    und eine abstoßende Seite.

     

    Das irritiert gewaltig.

    Ein Sympathischer – ein Hochintelligenter - ein Eigenbrödler.

    Ein Mensch, der sich selbst sehr unter Druck setzt.

     

    • Wißt ihr nicht, daß die, die in der Kampfbahn laufen, die laufen alle, aber einer empfängt den  Siegespreis? Lauft so, daß ihr ihn erlangt. Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge; jene nun, damit sie einen vergänglichen Kranz empfangen, wir aber einen unvergänglichen.
    • Ich aber laufe nicht wie aufs Ungewisse; ich kämpfe mit der Faust, nicht wie einer, der in die Luft schlägt, sondern ich bezwinge meinen Leib und zähme ihn, damit ich nicht andern predige und selbst verwerflich werde.
  • Sehr viel Druck ist in diesen Versen zu spüren.

    • Ich kämpfe mit der Faust.
    • Ich bezwinge meinen Leib.
  • Um den unvergänglichen Siegerkranz zu erhalten.
  •  

    ****

    Über die eigenen physischen und psychischen Grenzen hin weg gehen, all Kräfte mobilisieren, an nichts anderes mehr denken ... sich selbst antreibend und getrieben.

     

    Wenn ich Paulus Worte lese, höre, tun sie mir fast weh.

    Ich spüre wenig Freude ... eher „Ich muss, ich muss ich muss funktionieren – pausenlos - gnadenlos.“

     

    Nun, das ist eben Paulus.

    Sein Weg ... seine Art, sich selbst zu verbrauchen.

    Darin ist er absolut authentisch und geradlinig.

    Und, er verlangt nichts Übermenschliches, was er selbst nicht bereit ist ein zu leisten.

     

    ****

    Vorbildlich? Nacheiferungswürdig?

    Ist es das?

    Ist das, was er lebt für andere lebbar?

    ****

    Paulus wollte gewiss Vorbild sein.

    Und er wollte, dass andere mitlaufen auf der Kampfbahn.

    Dass sie MIT-laufen – aber nicht aus der Reihe tanzen.

    Genau so laufen, wie er.

    Genau so glauben, wie er.

    Gemeinde so leben, wie er es sich vorgestellt hat.

    ****

    Wer, was treibt ihn an?

     

    Welcher Gott?

     

    ****

    Wir wissen, dass Paulus ein anderes Gottesbild hatte

    als wir heute im 21. Jahrhundert.  Wen wundert es,

    denn er war ja schließlich Kind seiner Zeit.

     

    Der Gott, so wie Paulus ihn erlebt und glaubt hat,

    hat auch zwei Gesichter.

    Ein gnädiger und barmherziger Gott –

    und ein strafender Gott.

     

    Im Römerbrief, Kapitel 9 (21-23) verwendet er das Bild des Töpfers für Gott. Gott ist wie ein Töpfer ... seine Geschöpfe sind wie Ton in seinen Händen. (Jeremia 18, 4-6)

     

    • Hat nicht ein Töpfer Macht über den Ton, aus demselben Klumpen ein Gefäß zu ehrenvollem
    • und ein anderes zu nicht ehrenvollem Gebrauch
    • zu machen?
    • Da Gott seinen Zorn erzeigen und seine Macht kundtun wollte, hat er mit großer Geduld ertragen
    • die Gefäße des Zorns, die zum Verderben bestimmt waren,
    • damit er den Reichtum seiner Herrlichkeit kundtue an den Gefäßen der Barmherzigkeit, die er zuvor bereitet hatte zur Herrlichkeit.
  • Wollte Paulus unbedingt ein Gefäß der Barmherzigkeit / ein Gefäß zu ehrenvollem Gebrauch sein?

     

    So kommt es mir vor.

    Zu sehr ist in ihm noch das Bild eines zornigen strafenden Gottes verankert.

    Vor allem auch das Bild eines Gottes, der vorherbestimmt, wer Gnade erlangt und wer verworfen wird.

     

    Äußerst widersprüchlich das Ganze!

    Wenn Gott, der Töpfer, Menschen als gute Tongefäße oder als schlechte Tongefäße macht, was soll dann noch das ganze LAUFEN?

    Es ist so wie so vorherbestimmt, wer Gut-Ton und wer Schlecht-Ton ist.

     

    • Ist denn Gott ungerecht?
    • Ja, lieber Mensch,
    • wer bist du denn, daß du mit Gott rechten willst?
  • ****

    Paulus kämpft wahrhaftig einen Kampf mit sich selbst.

    Er ringt um Gottes Güte ...

    Will an einen gütigen Gott glauben,

    der sogar seinen Sohn für uns hat sterben lassen.

     

    Er will alles gut machen ... nach Gottes Willen ...

    ****

    Wenn ich Paulus Hohes Lied der Liebe lese, begegnet mir ein ganz anderer Paulus. Einer, der sich nach Liebe sehnt.

    (1. Korinther 13)

    • Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen,
    • sie bläht sich nicht auf,
    • sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie läßt sich nicht erbittern,
    • sie rechnet das Böse nicht zu,
    • sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit,
    • sie freut sich aber an der Wahrheit;
    • sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles,
    • sie duldet alles.
    • Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.
  • Die Liebe, die Paulus hier in poetischer Weise beschreibt,

    ist unglaublich groß ... schön ... herrlich.

    Für mich ist Gott dort, wo Hoffnung und Liebe gelebt werden können.

    Für mich ist Gott dort, wo Menschen sich für Gerechtigkeit und Frieden einsetzen.

    Liebe kann wachsen ...

    Liebe kann berühren ...

    Liebe kann Grenzen überwinden.

     

    Und dabei hat Liebe rein gar nichts mit MÜSSEN,

    mit ZWANG, mit LEISTUNG und DRUCK zu tun.

     

    ****

    Wenn Paulus sich selbst und einen anderen Menschen geliebt hätte,

    dann wäre er vielleicht nicht so ein verbissener Kämpfer gewesen.

    Dann hätte er begriffen, dass Liebe kein MUSS kennt.

    Amen

     

    Mit G rechnen

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