Rueckgrat

Rückgrat, Januar 2011

Du wolltest, dass es nie ein Ende hat mit der Gewalt. Du wolltest mich zu dem machen, was Du bist. Zu einem seelenlosen Wesen, dass dem Leben zurück gibt, was Dir Dein Vater angetan hat. Zurückgeben voller sexdurstigen Sehnsucht. Deine Krankheit sollte mich auffressen. Dein Hass auf das Leben mich zudecken. Doch ich habe mich gewehrt. Ich habe innerlich geschrieen. Ich – das kleine Kind, dessen Seele rein und unzerstörbar ist. Wenn ich das jetzt so schreibe, fühle ich nichts. Ich bin kalt. Doch ich weiß, dass Du meine Kinderseele nicht hast zerstören können.

Und Du, Mami? Du hast es gewusst und es geschehen lassen. Jedes Mal, wenn dieser schrecklich schweißige Körper zu mir ins Bettchen kam. Nein – warum nur hast Du das zugelassen? Ich begreife das nicht. War Deine Kinderseele schon tot? Hattest Du gar kein Gefühl dafür, was Dein Ehrenmann-Mann da mit mir machte? Ich begreife das nicht. Es tut so weh, dass ich  in mir ringen muss. Doch ich muss diesen Ringkampf in mir kämpfen. Es geht um mich – um meine kleine Susanne in mir. Denn sie hat mir geholfen zu überleben.

Versteht doch endlich, was Ihr Euch gegenseitig antut! Tretet doch das Leben nicht permanent mit Füßen. Es ist Gott, der in Euch leben will. Er braucht Eure Hilfe.

Das genau ist Rückgrat!
Ich habe geglaubt, dass dieses stinkende Monster, dass sich auf mich draufgewälzt hat, mein Innerstes in mir erstickt hat. Das genau ist Rückgrat! Er hat es nicht ersticken können. Er hat mich nicht zerbrechen können. Meine kleine Susanne ist mein Rückgrat. Versteht Ihr das?

Gebrochen leben
Gebeugt gehen
Den Blick scheu nach unten gerichtet
Mit einer Ladung Scham auf den Schultern
Und Angst im Herzen

Im Nerv getroffen
Leben als ob nichts wäre
Als ob alles normal sei

Ja, alles normal – anscheinend

Ihr glaubt ja gar nicht,
wie schwer das ist!

Aber so was darf es nicht geben, kann es nicht geben
Nicht dort, wo Blumen hinterm Fenster stehen
Und es Sonntags nach Braten riecht
Nicht dort, wo alles seinen Gang geht

Ich habe funktioniert
Habe nicht lauthals geschrieen
Habe Kind gespielt,
Obwohl es für mich keine Kindheit gab

Habe mich gewöhnt an den tiefen Schmerz
Und gelernt, den Mund zu halten

Es ist ein unbeschreibliches Lebensgefühl. Gehen, und keinen festen Boden unter den Füßen haben ... gehen ohne Ausrichtung ... gehen wie ein Schlafwandler ... um dann immer wieder auf Mauern zu stoßen. Als Jugendliche habe ich ein Gedicht geschrieben, darin heißt es: „.... Du hast mir das Rückgrat gebrochen ...“

Als ich das Bild „Rückgrat“ Anfang 2011 gemalt habe, dachte ich an diese Zeile, entstanden in der Zeit meiner Unwirklichkeit. Nichts hatte Bestand, nicht einmal ich selbst. Hätte ich damals überhaupt sagen können, dass es mich gibt, dass ich einen Willen habe? Nichts war da, kein Wille, kein Selbstbewusstsein, allein ein mechanisches Funktionieren ohne jeglichen Sinn. Atmen, um wieder gegriffen und an die Wand geschleudert zu werden. So sah mein Funktionieren aus. Atmen und nicht auffallen, in der Hoffnung, der Alptraum geht irgendwann zu Ende.

Das Gefühl der kompletten Nichtung meiner Persönlichkeit hat mir eine unsagbare Pein bereitet. Die anderen lebten gerade, unbelastet und leichtfüßig. So schien es mir. Nur ich in meiner Einsamkeit rang um meine Existenz.

Selbst konnte ich nicht wahrnehmen, wie stark ich eigentlich war. Ich sah nur unsichtbare Mauern, Hindernisse, Löcher ... Risse in allem, was tragen sollte. Und ich begann mich zu hassen für meine Schwäche, für meine Unfähigkeit, mein Leben zu füllen und mein Ich nach außen zu schützen.

„.... Du hast mir das Rückgrat gebrochen ...“, ich konnte nicht begreifen, warum mein Gang gebeugt war, warum nur ich so getroffen war. Und ich hatte damals noch keine Worte für das, was mir widerfahren ist. Ich nahm es wortlos hin.

Das Bild Rückgrat habe ich ein halbes Jahr nach meinem Comming-Out gemalt. Es war ein langer Weg dahin. Andere Missbrauchsopfer, die die Kraft hatten, heraus zu kommen, haben mir Mut gemacht. Unsere Stimmen werden immer lauter und drängender. Wir haben viel zu lange tierisch gelitten, haben uns – jeder für sich - in die jeweilige Einsamkeit verkrochen und uns dort in Grund und Boden geschämt.

Allen Widerständen zum trotz, stehen wir auf und geben Zeugnis ab.

Die Vereinzelung hat lange funktioniert. Nun weitet sich der Blick und Missbrauchsopfer treten aus ihrem Lebensschatten heraus ins Licht.

Der Gang ins gleißende Licht tut weh. Ganz viele Ängste kommen hoch. Doch im Totschweigen zu verharren, erzeugt nur weitere Pein.

Meine Entscheidung: Ich rede davon, was mir angetan wurde.

Und ich frage: Wie viel Mut hast Du, einem Missbrauchsopfer aufzuhelfen?

Wie viel Mut hast Du, der gequälten Kinderseele zu begegnen?
Du, Lehrer,
Du, Nachbar,
Du, Arzt
Du, Pastor,
Du, Bischof,
Du, Politiker,
Du – der Du Zeuge davon wirst?
Wendest Du Dich ab, weil nicht sein kann, was nicht sein darf?
Weil am Etikett gekratzt wird und zu viele Fragen gestellt werden?

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