Predigt Buß- und Bettag 2010

Predigt am Buß- und Bettag 2010 in der Schloßkirche in Ahrensburg:

 

Liebe Gemeinde,

 

„Wenn ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit.“

So sagt es Apostel Paulus im 1. Korinther 12.

Und alle Glieder zusammen ergeben den Leib Christi.

Was hießt das?

 

Wenn in Ahrensburg die Kirchengemeinde schwerstens betroffen ist durch die Missbrauchsfälle der 70er, 80er und 90er Jahre, dann leidet die ganze Nordelbische Kirche.

 

Seit Mitte März wird diskutiert, gestritten, ermittelt.

Das ist ein ganz langer Zeitraum der Vergegnung.

Ich sage Vergegnung, das ist das Gegenteil von Begegnung.

Es haben sich Fronten gebildet.

Das Freund-Feind-Denken nimmt Überhand.

Menschen fühlen sich angegriffen, verteidigen sich und es wird ein Gegenangriff gestartet. Es kostet vielen schlaflose Nächte und es bedeutet für alle Betroffenen eine große Belastung.

 

****

 

Der Schaden an sich, dass Menschen über einen langen Zeitraum hinweg als Kinder- und Jugendliche sexuell missbraucht worden sind und heute noch an den Folgen des Missbrauchs leiden, ist ja schon schlimm genug.

 

Erschreckend ist, wie viele Jahrzehnte es gedauert hat, bis den Opfern zugehört wurde und ihre Versuche Frucht trugen, sich über kirchliche Funktionsträger Gehör zu verschaffen.

Umso wichtiger ist es, dass jetzt alles ans Licht kommt.

Denn die Menschen treiben viele Fragen um.

Viele bemühen sich, zu verstehen, was es heißt, ein Missbrauchsopfer zu sein. Gefühle und Bilder, die man ungern an sich heranlässt. Doch es entstanden gute Gespräche und Kontakte zwischen Opfern und Gemeindemitgliedern, die durch Zuhören und Aushalten von Gefühlen gekennzeichnet sind.

 

*****

 

Trotzdem ist noch ein ganzer Haufen Fragen offen.

Wie war es möglich, dass über einen so langen Zeitraum die Taten nicht aufgedeckt wurden bzw. nicht für die Öffentlichkeit erkennbar verfolgt wurden?

Wer ist für das Wegsehen verantwortlich?

Wer wusste zu welchem Zeitpunkt was?

Welche Konsequenzen hat es für diejenigen, die das Leid direkt verursacht haben?

Wie wird mit den damals nicht handelnden Funktionsträgern umgegangen?

 

Die Fragen sind knallhart.

 

Doch die Antworten müssen auf den Tisch.

„Denn wenn ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit.“

 

Es geht hier um das Vertrauen der missbrauchten Menschen in der Ahrensburger Kirchengemeinde. Denn die Opfer in Ahrensburg leiden immer noch, leiden lebenslang. Es gibt keine neue Seele, keine neue Kindheit und Jugendzeit. Und das wiegt sehr schwer.

Es geht auch um das Vertrauen von Menschen, die gegenwärtig überall in der Gesellschaft missbraucht werden und um das Vertrauen ihrer Angehörigen. Denn auch die Angehörigen sind schwerstens betroffen.

 

Der Schaden ist da.

Das Leid ist da.

 

****

 

Durch die Vergegnungsgeschichte der letzten Monate in Ahrensburg ist noch viel mehr zerstört worden. Und das betrifft alle Gemeindemitglieder. Menschen haben ihre Heimat verloren in der Kirche, sind orientierungslos, fühlen sich verloren, sind einfach müde, über Missbrauch nachzudenken.

Menschen leben mit anderen Menschen in Zwietracht. Feindschaft und Beschimpfungen werden öffentlich ausgetragen. Gerüchte wabern. Menschen werden krank deswegen, halten das Gezerre und das zermürbende Warten nicht mehr aus.

Alles liegt wie ein bleierner Nebel über der Gemeinde. Das geht sogar soweit, dass Menschen es als „Krieg“ bezeichnen und sich bedroht fühlen und z.T. auch bedroht werden.

 

*****

 

Um diese Vergegnunggeschichte

geht es heute am Buß und Bettag.

 

Dass alles auf den Tisch muss, ist keine Frage.

Doch es geht mir um das „Wie“.

 

Jeder muss sich im Sinne der Buße selbst fragen,

wie er in die Ereignisse als Handelnder, Zusehender, Schweigender

oder Beurteilender verstrickt ist.

Jeder hat seine Rolle in diesem Konflikt.

Auch derjenige, der sich manipulieren lässt.

Letztlich ist es eine Gewissensfrage, wie man reagiert,

und welche Rolle man übernimmt.

 

Jeder, jede achte auf sich – achte auf sein Handeln,

und vermeide Angriffe, nach Möglichkeit.

Denn es kommt ja auf den Tisch – es kommt Klarheit.

 

Mich selbst reißt es hin und her.

Ich kämpfe in mir, mit mir, ringe um Versöhnung –

Weil Missbrauch mein Lebensthema ist.

 

Weil ich Pastorin dieser Kirche bin,

kann und darf ich zu Ahrensburg nicht schweigen.

 

Ich bin parteilich.

Ich spreche für die Sache der Opfer, will Aufklärung.

Doch alle, die an dem Schaden leiden,

will ich im Blick haben,

und will mit vielen, die Versöhnung wollen, um Versöhnung ringen.

 

****

 

Das: „Denn ihr seid das Salz der Erde“,

wird in der Bergpredigt von Jesus gesagt.

Nicht allein die Kirchenleitenden sind das Salz,

sondern alle Christinnen und Christen in Ahrensburg sind das Salz.

 

Und es ist mir wichtig Euch zu sagen:

Ihr Ahrensburger müsst diesen langen Weg zur Versöhnung,

diesen Bußweg beschreiten.

Den Bußweg nimmt Euch keiner ab.

Auch nicht die Kirchenoberen.

 

Und ganz wichtig ist, dass der Konflikt nicht von oben her gelöst wird.

So in der Art: „Nehmen wir doch alle sechs Pastoren weg ,

schwupp, und machen einen Neuanfang und dann is´ Friede, Freude, Eierkuchen.“

Das wäre eine der Gemeinde gegenüber verordnete gespenstische Stille

und die Leichen würden immer noch im Keller liegen

und die Chance auf eine Begegnungsgeschichte wäre vertan.

Ein Horrorszenario.

Darauf läge kein Segen – dessen bin ich mir gewiss.

 

„Ihr seid das Salz der Erde,

 ihr seid das Licht der Welt.“

Zum Salz und Licht-Sein gehört die Bußfertigkeit. 

Der klare Wille, den Weg der Buße als Antwort an Gott gehen zu wollen.

 

*****

 

Es ist ein Traum, sich vorzustellen,

dass aus der Vergegnungsgeschichte

eine Begegnungsgeschichte werden könnte.

„Ihr, jeder Einzelne von Euch, seid das Salz der Erde,

 ihr seid das Licht der Welt.“

Darauf liegt Segen.

 

Ein Traum, dass die Wunden,

die dem Leib der Kirchengemeinde Ahrensburg

zugefügt wurden,

nicht mehr Schaden anrichten, als nötig.

 

Der Leib bleibt allein Leib Christi,

wenn er sich zu Gott hin umwendet.

 

Zum Mensch gewordenen Gott,

der unsere Haut getragen hat,

der in unseren Schuhen gegangen ist.

 

So gehört es eben auch zur Buße hinzu,

sich in die Haut des anderen hineinzuversetzen,

die Perspektive zu wechseln

und die Bedürfnisse des anderen wahrzunehmen.

Überhaupt den ANDEREN wahrzunehmen,

und nicht nur ein verzerrtes Feindbild.

 

Dann verstehen die beteiligten Gruppen

hier in Ahrensburg eher,

was sie vermissen, worum sie trauern,

was sie erwarten und wovor sie Angst haben.

 

Das gegenseitige Verstehen ist wichtig,

um sich im Leib Christi nicht fremd zu werden und zu zerteilen.

 

Denn der Leib hat schon Blessuren ...

Er bleibt nicht unverändert,

durch alles, was geschehen ist.

 

Doch gemeinsam haben wir es im respektvollem Umgang in der Hand,

welche Glieder in Zukunft uns fehlen werden

und welche neu dazukommen.

Und es ist wichtig, um jedes Gemeindemitglied zu kämpfen.

****

 

Zum Schluss liegt es mir als Missbrauchsopfer am Herzen,

den Pastoren vor Ort zu danken

für ihren mutigen Einsatz,

dass sie sich die Mühe gemacht haben,

sich in Missbrauchsopfer hinein zu denken.

 

Allen Menschen DANK! –

für ihr nicht ausgrenzendes Mitgefühl mit Missbrauchsopfern.

DANK für ihr Aushalten.

Dank für den Versuch, verstehen zu wollen.

Das macht uns Hoffnung.

 

Das VERSTEHENWOLLEN und die HÖRBEREITSCHAFT

hat bei mir als Missbrauchsopfer

ganz viel Vertrauen geschaffen in die Kirche.

Ich hoffe, dass das

bei anderen Missbrauchsopfern auch so ist.

 

Licht tut weh nach langer Dunkelheit.

Licht macht auch Angst und kann blenden.

Mit der Aufklärung,

diesem langwierigen Prozess umzugehen,

ist für alle extrem schwierig.

Licht in sich selbst hinein zu lassen,

dass ist die größte menschliche Herausforderung.

 

Amen

 

 

Mit G rechnen

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