heimgartenschule 2010

Vortrag, gehalten am 20. September 2010 innerhalb einer Informationsveranstaltung des Missbrauchsvereins in Ahrensburg und der Evangelischen Kirchengemeinde Ahrensburg in der Heimgartenschule in Ahrensburg.

 

Ich heiße Susanne Jensen, bin Opfer sexueller Gewalt – habe über viele Jahre NICHTUNG erlebt.

Ich leide an chronischer Posttraumatischer Belastungsstörung, bin trockene Alkoholikerin und Borderliner.

Meine gesamte Kindheit und Jugend war ich konfrontiert mit der verquasten Sexualität meines Peinigers

Ich sage Peiniger, weil er mir viel Pein besorgt hat. Unvorstellbare ... nicht in Worte zu fassende Pein. Die Therapeuten konnten es kaum hören. Hören ... es begreifen, was Menschen anderen Menschen antun. Die Zeit meiner höchsten Pein nenne ich einfach Kinderhöllenlabyrinth.

Dieses Labyrinth war für mich ohne Ausgang – ohne Ende – vermauert – Wohin hätte ich damit gehen sollen? Eingeschult wurde ich mit 7. In den Kindergarten bin ich nicht gegangen. Damals mit 7 unter den anderen Kindern fühlte ich mich fremd.

Wenn ich den Mund auf gemacht habe, merkte ich, das etwas mit mir nicht stimmte. Nichts stimmte, ich habe gesprochen mit gebrochener Stimme, malträtierter Seele und zerteiltem Leib. Einem Leib, der nicht mir gehörte, der zur Befriedigung da war. Viel habe ich geweint, weil ich mich so allein gefühlt habe.

Meine Welt war eine andere Welt, als die der anderen Kinder. Ich sah ihnen beim Spielen auf dem Pausenhof zu. Ich stand einfach nur da. Mondkalb ich – aussätziges Wesen. Die anderen lachten und liefen frei herum, ich konnte weder lachen noch laufen. Wie hätte ich lachen können? Wie laufen? Da war keine Kraft in mir, das zu tun, was andere Kinder so in ihrer Kindheit machen. Auf den Kinderfotos sehe ich so liebreizend aus, mit Strickrock und Strumpfhose. Wie es sein sollte, im Bild nach außen. Ehrenmann-Peinigers Kind! Ja, nach außen, da war auch die Sprache eine andere. Sobald sich aber die Wohnungstür geschlossen hatte, kam frauenverachtende Fäkalsprache aus ihm heraus. Angstschürend, beschmutzend an sich ...

Wie ist es groß zu werden als Objekt, nicht als Mensch? Als Opfer-Objekt ... gedrillt zu kommen ... zu schlüpfen und nie NEIN zu sagen. Wie hätte ich NEIN sagen können? Oft konnte ich auch gar nicht weg. Da war ja die Wand ... mit den Tapetenblumen.

 Jetzt noch werde ich von Träumen durchgeschüttelt. Gewisse Motive kommen immer wieder vor. Wie der Traum: mit hoher Geschwindigkeit fliege ich gegen eine Wand, an der ich wie geworfenes faules Obst in Stücke berste – zurück bleibt nur Gemansche. Durch die Luft geschleudert werden, dass trifft die Zeit gut. Geschleudert werden ... von einem Riesen gepackt werden ... ihm zur Verfügung stehen zu jeder Zeit, die ihm passte. – Heute noch ist mein Schlaf zumeist um 2 Uhr Nachts zu Ende. Pein treibt mich hoch.

Sie steigt in mir auf ... sie legt sich mir auf die Atmung. Angst und Pein ... Angst vor der Pein ... Angst vor dem Ekel, der Atemlosigkeit, dem Würgen ... Ekel habe ich jedes Mal, wenn ich versuche mir die Zähne zu putzen. – Es ist so, das begleitet mich ganz einfach. Warum hat Gott mich in so eine Welt geworfen? Das habe ich mich als Jugendliche gefragt. Da hatte ich schon so manches von diesem Gott-Vater Vater-Gott gehört, der seinen Sohn geopfert hat für die Menschheit, weil sie ja so sündig ist. Da konnte ich innerlich nur zynisch lachen. Toll hat er das gemacht für die Täter. Einfach klasse!

Der Vater Gott, der den Mantel der Vergebung ausbreitet. Genial ausgedacht! – Meine Psychoanalytikerin, bei der ich über 300 Stunden Analyse gehabt habe, hat mir am Ende unseres Weges gesagt: Sie ist auf eine Mauer von Aggression gestoßen. Es war für sie manchmal kaum auszuhalten gewesen. Hasserfüllt kotzte ich ihr das hin, was meine Seele bis dahin frei gegeben hatte. Es war vor allem die Enttäuschung über die Menschen, die für mich ein Segen hätten sein sollen.

Wenige Gegenstände besitze ich aus meiner Kindheit. Diese Puppe existiert noch. Jula – Inbegriff meiner verlorenen und wiedergefundenen Kindheit. Jula – ein Geschenk von meiner Tante Emmi. Ich mochte weder Emmi noch Jula – noch mich selbst. Sie wurde meine Schmeißpuppe. Immer und immer wieder habe ich sie gegen die Wand gepfeffert. Batsch ... batsch ... durch die Luft, an die Wand. Ich war so 6 / 7 Jahre alt. – Einmal habe ich mir Jula auf den Bauch gelegt.

Da hat sie plötzlich ihr Ärmchen bewegt. – Eine Sekunde lang Staunen und ein wunderliches Gefühl in mir. Jula lebt – in Jula Leben? – Ach ja, ich atmete ... so war die Erklärung. Doch danach habe ich Jula nie wieder an die Wand geworfen. Begreifen, was Leben bedeutet. Leben – lebendig sein. Ich war tot. Ein Schleudergegenstand, ein Bedürfnisbefriedigungskörper für meinen Peiniger, einfach nur ein Ding, ein Objekt. Über Jahre ging das Spielchen des Ehrenmannes, sein gekonnter Rollenwechsel: Ehrbarer Bürger / gewissenloser Täter. 

Über Jahre wurde mein Herz fast zerrissen von widerstreitenden Gefühlen: Liebe – Hass – Angst – Scham – Schuld – Opfer – Dreck – selber schuld ... bist´e selber schuld, hasté nix anderes verdient, Du dreckiges Wegwerfkind ... schau Dir Deinen dreckigen Körper an und mach Dich auf und davon.  Auf und davon. Vielleicht zu Gott hin? Zu dem Herrn im Himmel. Vielleicht hat er Mitleid mit mir? Auf dieser Welt bin ich ja fremd – bin ich nicht zuhause, nicht geborgen, nicht angenommen ... auf dieser Welt bin ich irrsinnig einsam und verzweifelt. Es mischte sich mit 12 Jahren die Sehnsucht nach einem Ausweg, nach einem Ende des Leidens.

3 mal habe ich versucht, mein Leben zu beenden. Dann habe ich mir trotzig dieses Kreuz gebastelt. Und dieses Kreuz hat zu mir gesprochen: ICH FÜHLE MIT DIR – ICH LEIDE MIT DIR – mitten in meine Verzweiflung hinein – ICH LEIDE MIT DIR, ICH GEHE MIT DIR DURCH DEINE TODESSCHATTENSCHLICHT. Heilig bist Du mir, mein Kreuz! Erst sehr viel später, kurz vor Weihnachten 2006 – stand ich wieder kurz vor der SELBST-VER-NICHTUNG. Meine verletzte Seele hatte abgespaltene unerträgliche Erinnerungen frei gegeben. Ich ging in die Leichenhalle neben der Kirche, in der ich als Einzelpastorin auf dem Land gearbeitet hatte. In der Kälte dieses Ortes habe ich gerungen in mir mit mir – und ich spürte, dass mich Gott nicht verlassen würde, egal was ich wählen würde, Tod oder Leben. Und ich entschied mich dort ein für alle mal für das LEBEN IN MIR –  LEBEN trotz beschädigter Seele! LEBEN trotz täglichen Überlebenskampfes, täglicher gravierender Einschränkungen. LEBEN trotz quälenden Alpträumen ... Erinnerungen (Flashbacks/ Triggern) ... LEBEN trotz Kinderlosigkeit ... trotz Problemen bei der körperlichen Liebe ... LEBEN TROTZ ALLE DEM

Was ich mir von meiner Kirche, in der ich als Pastorin meinen Dienst nach bestem Gewissen erfülle, wünsche, ist folgendes:

Sie möge Menschen, die Opferhaut tragen mit an den „Runden Tisch“ lassen;

  • sie möge Fälle wie Ahrensburg sehr ernst nehmen (es sind Fälle, in denen die Kirche eine „Bringschuld“ hat, weil sie eine – was auch immer für gelagerte – Nachlässigkeit begangen hat;
  • sie möge solche Altfälle NICHT ALS STÖRFALL betrachten, sondern mit dem Stempel versehen: Allerhöchste Priorität ! Chefsache !
  • und sie möge ganz viele Gespräche in Augenhöhe zulassen.
  • Dies alles, damit Missbrauchsopfer Vertrauen fassen können in die Kirchevertreter und ihr Glaube wachsen kann an Gott, der für uns Mensch geworden ist, der mit uns gelitten hat und immer noch leidet. Das ist es, worum ich die Kirchenvertreter bitte, auf dass sich Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen mögen – aller Nichtung zum Trotz.
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    Mit G rechnen

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